ein Gigant in Köln

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David Hockney, a bigger picture, Museum Ludwig Köln, Tanja Maria Ernst
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David Hockneys Retrospektive im Museum Ludwig – 27.10.2012 – 03.02.2013

Im Foyer hört man wenig deutsch und die Garderoben sind wegen Überfüllung längst geschlossen. Quer über dem Ausstellungsplakat klebt ein rotes Transparent: 650 000 Besucher.

In den Räumen ist es gedrängt voll, wie beim Ausverkauf. Die herbstrot gestrichenen Wände drängen mir nicht nur die Bilder ins Gesicht, sondern auch die Horden der Besucher.  Auf der Treppen, dem Aufgang in den ersten Stock, kann man den Streß der Menschen riechen. Familien mit Kinderwagen und Babytragen versuchen sich im Gewusel einen Weg zu bahnen.

Inmitten des Geschiebes und Gedränges wird es an einigen Punkten der Ausstellung plötzlich still: die Räume, in denen Hockney seine Lieblingsplätze der Natur mit der Videokamera aus wechselnder Perspektive betrachtet. Der Besucher scheint selbst mit dem Künstler im Auto zu sitzen und die vielgeliebten Hohlwege in Englands Yorkshire entlangzufahren. Im Schecken-Tempo der vier Jahreszeiten. Die laufenden Bilder übertragen ihre Nicht-Geschwindigkeit sofort auf mich. Und um mich herum breitet sich Ruhe aus. Die Menschen stehen, staunen, flüstern, wie in einer Kirche.

Ich bin überrascht über meine eigenen Gedanken. Ich, die ich sonst mit Videoarbeiten wenig bis gar nichts anfangen kann: mir erscheint dies als die Fortführung seiner perspektivischen Beobachtungen. In diesen Videoarbeiten, wunderbar und gelungen. Die Arbeiten wirken auf mich so frisch und unverbraucht, gerade so, als wäre der Künstler selbst überrascht und bezaubert von der Fülle der Möglichkeiten eines für ihn neuen Mediums. Ein leises Staunen breitet sich in mir aus und ich erinnere mich dankbar an dieses Gefühl, das sich auch bei mir einstellte, als ich 2009 in Schwäbisch Hall zum ersten Mal seine Waldstücke betrachtete. Die Videoarbeit hängt in einem Kabinett zwischen den Gemälden, so selbstverständlich, als habe er noch nie etwas anderes getan. An den Übergängen der einzelnen Bildschirme entstehen Lücken im Motiv und in der Zeit, von denen ich mich seltsam wenig verwirrt fühle. Sie lassen mir eine Atempause für meine eigenen Gedanken und Gefühle in diesem Szenario. Die Zeit scheint sich unendlich auszubreiten und gleichzeitig still zu stehen.

Still und glaubwürdig kommen sie daher, diese laufenden Bilder, viel glaubwürdiger, viel selbstverständlicher für mich, als die Arbeiten zu Claude Lorrains Bergpredigt, oder die aktuellsten Waldstücke, die in einer Vielzahl ornamentaler Details erstarrt zu sein scheinen.

Ich stehe lange im Kabinett mit seinen Zeichnungen und Skizzenbüchern. Ich bewundere die Akribie und den leisen, undramatischen Fleiß, mit der er sich seine Welt täglich erarbeitet. Im Nebenraum die ersten Landschaftsbilder aus Yorkshire, angeblich inspiriert von nervenaufreibenden Krankenhausfahrten… Emotionale Farbräume, die sich perspektivisch auflösen. Ich betrachte die Datierungen der Entstehungsjahre und stelle plötzlich fest, daß zwischen den ersten Landschaftsbildern mit multipler Perspektive, wie  „Mullholand Drive“, die er noch in Kalifornien gemalt hat, und seinen „Totem“-Bildern 28 Jahre liegen! In Zahlen: achtundzwanzig Jahre!!

Gegen Nachmittag werden die Räume leerer, aber oft fehlt immer noch der räumliche Abstand zur Arbeit, um die volle Tiefe des Bildes erfassen zu können. Die Menschen drängen sich, nach wie vor, vor den i-pads, die erlauben, Hockney im Museum bei der Arbeit zuzusehen. Wie faszinierend und welch genialer Einsatz eines technischen Mediums.

Vor dem Museum hat jemand vier langstielige rote Rosen auf dem Gehweg platziert.

Fleurs fraiches…

ein Gigant in Köln

ein Gigant in Köln

 

Auf der Rückfahrt im Bus fliegen die kahlen Winterbäume an uns vorbei und ich denke daran, daß ich durch Hockney im Winter die Landschaft ganz anders sehe. Jeder alte Baum, jede Baumgruppe, die mir durch eine seltsame Formation ins Auge sticht, scheint plötzlich alleine ihm zu gehören. Wir sehen Kunst und danach unsere Welt mit anderen Augen. Die Dame neben uns im Bus beginnt verzückt Winterbäume gegen die untergehende Sonne zu fotografieren. So geht das Leben in die Kunst und aus der Kunst ins Leben zurück.

Ich sitze und verdaue und nehme zweierlei mit, aus dieser Ausstellung.

Den Vorsatz wieder täglich zu zeichnen und das Drama auf der Bühne zu lassen. (Der Prozess kann nicht im Voraus denkend oder planend mit dem Gehirn bewältigt werden. Er kann nur gegangen und gemacht werden.)

Und, geduldiger mit mir zu sein. Egal, wie alt wir sind, egal wie „groß“, oder wo wir ausstellen. Die Arbeit jedes Künstlers zeigt Schaffensphasen. Die Geburt einer Idee, den Höhepunkt und am Ende das Sterben: wenn wir uns mit dem was wir wissen und unserem technischen Können selbst überholt haben. Dann kommt das Loslassen und danach wieder und wieder und wieder, der Aufbruch zu neuen Ufern.

 

Hockneys Bäume

Hockneys Bäume

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - she writes about her work an inspirations.

7 Comments

    • Liebe Gerda, so genau ist mir das auch nicht klar. Eigentlich, wenn Du bei wordpress mit Deinem vollen Profil angemeldet bist – müßte das von allein klappen… Bei Deinen „likes“ taucht Dein Profilbild ja auf… wenns nicht zu beheben ist, müßtest Du Dich mal an den technischen Support von wordpress wenden… lg Tanja

  1. Anonymous says

    Liebe Tanja, grad habe ich Deinen Bericht über die Hockney Ausstellung gelesen, die mich zu meinen iPad Bildern inspiriert hat und sonst auch in jeder Hinsicht. Die großen Videoarbeiten von den 4 Jahreszeiten fand ich überwältigend und erlebte es auch so: man fällt in eine innere Langsamkeit und Stille. Gerne würde ich mit so einer Wandinstallation morgens aufwachen! Ich war auch beeindruckt von der Frische der Arbeiten und dem Explorationsgeist von Hockney, der ja immerhin schon viele Lebensjahre zählt. Dass das Spätwerk eines Künstlers so viel Frische und Neugier ausstrahlen kann, finde ich begeisternd und tröstlich. Die Waldbilder ziehen mich sehr an und ich bewundere, wie Hockney Landschaftsszenen, die ja zunächst unspektaklär erscheinen, in spannende Bilder umsetzt. Auch ich ging nach dem Betrachen der Bilder noch mal ganz anders durch den Wald, sah auf einmal die Farbtöne, die einem zunächst unwirklich erschienen, an den Bäumen, sprarsam zwar, vielleicht etwas blasser, aber vorhanden. Der Wald ist ein Thema, dass mich in meiner Acrylmalerei sehr fasziniert! Vielen Dank für Deinen schönen Bericht! Gerda

    • Liebe Gerda, vielen Dank für den Bericht über Deinen Besuch! Lustig zu lesen, daß wir die Ausstellung wohl ganz ähnlich erlebt haben! Wie geht es voran mit Deinen i-pad Erfahrungen? lg t

  2. Hallo Tanja Maria! Danke für den schönen Bericht! Wie habe ich das mit den IPads zu verstehen? Lagen die irgendwo angekabelt herum und zeigten Clips von Hockney im Museum? Liebe Grüße!

    • Liebe Franziska! Hockney arbeitet seine Bilder schichtweise auf den IPads, genau wie seine Gemälde. So ähnlich angeblich, daß er sich nach getaner Arbeit reflexartig die Finger am Lappen säubert, obwohl er mit digitalen Farben malt… Die Arbeitsschritte werden lagenweise abgespeichert und können so sichtbar gemacht werden. In Köln waren die IPads tatsächlich an den Wänden befestigt und spielten die Arbeitsschritte, vom leeren Bildschirm, bis zum fertigen Bild, als kurzes Filmchen ab. Zu sehen, aber immer nur der Ausschnitt des Bildschirms. Trotz allem: Hockney bei der Arbeit – das war wirklich faszinierend! lg t

      • Huch, Kommentar war grad verschwunden… Klingt auf jeden Fall spannend und hätte ich mir auch gern angesehen. Wie Du das so beschreibst, muss ich an die Taschenlampen-‚Experimente‘ von Picasso denken. Anderes Medium und Künstler direkt bei der Arbeit ’sichtbar‘, aber irgendwie auch in Schichten… oder eben Licht-Spuren.

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