im Tal der Rosen

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Fundaćion Jakober - Garten
Fundaćion Jacober - Garten

Fundaćion Jacober

 

11-02-2013

Meine letzte „show“ im September 2012 im Röhm stand unter dem Titel „Nins“. Diese Ausstellung war eine Verbeugung vor der gleichnamigen Sammlung historischer Kinderportraits von Yannick und Ben Jakober. Da ich während der Ausstellung mehrfach auf diese spanische Sammlung angesprochen worden bin, mit der Bitte mehr hierüber zu erfahren, nutze ich gern die Gelegenheit das Versprechen einzulösen und von unserem Besuch dort zu berichten. Schon zwei Jahre zuvor – 2010, hatte ich diese Sammlung für mich im Internet ausfindig gemacht. Da wir aber meistens an der Süd-West-Küste Mallorcas Quartier beziehen, schien uns die Reise damals zu weit zu sein, um vielleicht doch wieder einmal vor den verschlossenen Toren eines spanischen Privatbesitzes zu stehen… Zwei Jahre später, im Mai, machten wir uns sehr früh am Morgen auf den Weg nach Alcúdia. Für alle, die auf den Spuren unserer Expedition wandeln möchten, folgender Hinweis: Ruhe und Orientierungssinn bewahren, Schwimmwesten anlegen und immer weiterfahren, bis zum gefühlten Ende der Welt…

***

Ich weiß nicht mehr genau, wie lange man noch braucht, bis zum Anwesen der Jakobers, wenn man denkt, man ist schon längst angekommen: …  Als wir die Zufahrt über den Hafen von Alcúdia nehmen, stehen wir zwei Kilometer vor unserem Ziel, in der Auffahrt eines privaten Golfclubs. Am Tor, das Ludwig XIV. zur Ehre gereicht hätte, prangt ein Schild: Durchfahrt verboten – Privatbesitz. Zurück also, vorbei an Surfern und Badegästen, bis zum letzten Kreisverkehr, an dem wir ein Verkehrsschilder „Fundación“ übersehen haben. Hinter Alcúdia die bekannten Sträßchen, zwischen zwei Steinmauern, schmale Schluchten zwischen Mandelbäumen, in denen zwei Autos gerade so aneinander vorbeikommen. Ab „Can Caponet“ ein paar Häuslein und wenn man die Augen offen hält, kann man noch den einen oder anderen ausgebleichten Zettel finden, der auf das Anwesen der Jakobers hinweist. Hinter den Häusern beginnt  scheinbar Niemandsland. Weiden und Stacheldrahtzäune, unbefestigte Straßen. Dann eine schmale Durchfahrt durch eine Steinmauer, dahinter Pinienwälder, die im Mai üppig von blühendem Ginster durchsetzt sind und eine Erdpiste mit Schlaglöchern. Das halbe Vorderrad versinkt darin. Kein Schild weit und breit. Wir schlucken tapfer und fahren in Schrittgeschwindigkeit weiter. Kein Haus. Wir haben nun BEIDE das Gefühl, hinter der nächsten Kurve endet die Straße abrupt vor einer Klippe. Im Idealfall…

Dann endlich, rechts unterhalb der Erdpiste, ein Stückchen geteerter Straße, mit einem schmiedeeisernen Tor und einer Überwachungskamera. Nach längerem Suchen finden wir einen Abstellplatz für unseren Mietwagen und ein schmales Tor für Fußgänger durch den Stacheldrahtverhau. Dahinter eine endlos lange, sehr gut geteerte Straße. Die Seitenstreifen flankiert von getrimmtem Buschwerk. Vor dem Tor spanische Macchia und hinter dem Tor ist man plötzlich in England… . Wir gehen gute zwanzig Minuten zu Fuß, und wie wir später feststellen, kann man auch direkt vor dem Haus parken. Es gibt einen geschotterten Parkplatz unter üppig blühenden Oleander Büschen, groß genug für mindestens zwei Busse. Beim Gedanken an einen Reisebus auf dieser Zufahrt wird mir schlecht. Links von uns das Eingangstor vor dem Haupthaus, davor eine Hundeskulptur, neben der man sich fühlt wie ein Liliputaner. Im Innenhof kein Mensch – auf dem Parkplatz ein Auto.

Wir sehen uns ein wenig ratlos um, schauen im Vorhof durch die Scheiben eines geschlossenen Kunstshops. Wir fragen uns, ob wir die Öffnungszeiten richtig gelesen haben. Plötzlich steht eine junge Frau vor uns. Ob wir die Ausstellung sehen möchten? Ihr Deutsch läßt keinerlei Akzent hören. Sie zeigt uns den Eingang zum Rosengarten, öffnet den Shop, bereitet uns, während eines kleinen Gesprächs, Getränke zu und löst Tickets für die Ausstellung. Für die zeitgenössische Kunst müssen wir ein andermal wiederkommen. Leider.

 

Fundaćion Jakober - Garten

Fundaćion Jakober – Garten

 

Der Tag und der Garten sind phantastisch und das Wetter so mild. Und diese paradiesische Landschaft hat in diesem abgelegenen Tal etwas so surreales. Die Rosen duften in den Mittag, die Palmen stehen in Reihe, wie bei der Parade. Skulpturen zieren Nischen und Erker. Unter Pergolen kann man durch die rote Pracht wandeln und sich ein lauschiges Eckchen suchen, auf einer Holzbank. Das Leben da draußen ist sehr weit weg, an diesem üppigen Ort, am Ende der spanischen Welt. Wir bleiben lange sitzen und beobachten Engländer und Rosen… Blumenfreunde, die von weither angereist sind, so sagt man uns… Es ist so still hier, die Zeit scheint sich wieder einmal selbst zu betrachten… Die Ewigkeit liegt nur um die Ecke…

Der unterirdische Wasserspeicher des Hauses dient heute als Ausstellungsraum für die Kinder, die „NINS“. Kurz für niños. Eine breite Treppe führt in den Untergrund und hinter der Glastür am Eingang kann ich es einfach nicht fassen, hier im spanischem Boden zu stehen. Ich glaube in Paris oder London zu sein. Die Bilder aus dem Netz geben durchaus einen reellen Eindruck der Raumsituation. Wenn auch das überirdisch-blaue Licht fehlt, das allerdings auch die Farbwirkung der Gemälde beeinträchtigen würde…

 

Fundaćion Jakober - Nins

Fundaćion Jakober – Nins_ c Fundaćion Jakober

 

Es ist kühl und still. Außer den Aufsichtsdamen, die alarmiert darüber wachen, ob wir einen Foto zücken (fotografieren ist leider nicht erlaubt) – ist kaum ein anderer Besucher unterwegs. Wir haben die Kinder in höfischer Kleidung aus vier Jahrhunderten ganz für uns allein. Wir wandeln staunend an den Spitzenkrägelchen vorbei, den Steckkissen, den Papageien und Äffchen, den Hochstühlen und Draperien aus einer längst versunkenen Zeit. Und ich kann nicht umhin, immer wieder die Gesichter zu betrachten. Steif, manchmal geduldig, selten erstaunt, eigentlich nie erfreut oder zumindest lächelnd. „Kinder“ stelle ich wieder einmal fest, gab es damals nicht. Nicht nach unseren Begriffen. Wie kleine Erwachsenen stehen sie da in ihren kostbaren Rahmen. Mit engelhafter Geduld und unendlichem Gehorsam. Die Jungen wie Zinnsoldaten, die Mädchen würdevoll wie Königinnen. Nichts ist hier dem Zufall überlassen. Die Bilder zeigen in Ausführung und Materialwert deutlich, was die Eltern dieser Kinder über ihre Familie oder Dynastie zum Ausdruck bringen wollten. Macht, Reichtum und Einfluss. Die Sammlung ordnet sich zeitlich und räumlich, quer durch Europa. Wir stellen schnell fest, wie sich die Qualität der Maltechnik im dargestellten Zeitraum verändert: spinnweb-dünne Spitzenborten und feinster Taft, der aus den Bildern zu rascheln scheint. Und wir betrachten die wechselnde Auffassung des dargestellten Menschen. Die jüngsten Bilder zeigen deutlich, die Welt wußte bereits, von Linsen und den Vorzügen optischer Hilfsmittel. Die ältesten Arbeiten dagegen noch ganz klar der Fläche verhaftet und die Gesichter einem formelhaften Ideal untergeordnet. Das jüngste, großformatige Familiengemälde am Ausgang, eine Mutter mit ihren beiden jugendlichen Söhnen, scheint uns so real und die Portraits so dem Leben entnommen, daß wir glauben, daß sich hier bereits der Gebrauch der Fotografie in der Vorlage ankündigt. Ich versuche mich zu erinnern, ob ich nicht irgendwo gelesen habe, daß Ingres bereits mit Fotografien seiner Modelle gearbeitet hat. Wo nur? Vermutlich bei Hockney… Mein Liebster begleitet mich fasziniert, und obwohl er dem Ausstellungsthema und der weiten Fahrt doch zunächst sehr skeptisch gegenüberstand, zieht auch ihn diese Sammlung in ihren Bann. Nicht nur die Farben springen einen an, aus den Rahmen heraus, es sind vor allem die steifen, starren kleinen Gesichter, die sich einem ins Gedächtnis prägen.

Eine Sammlung, von der Schönheit aufgespießter Schmetterlinge…

Nach einer langen Zeit der Betrachtung, die das Aufsichtspersonal sichtbar nervös gemacht hat, verlassen wir die unterirdischen Hallen und kehren ans spanische Tageslicht zurück. Machen uns auf den Weg in den Garten, der durchzogen ist von den Skulpturen der Hausherren. Und wir sind froh, nach diesen Kindergesichtern, über diesen lustigen und leichten Zoo, diese ausgeschütteten Arche, die sich im Garten der Jakobers niedergelassen hat. Wir laufen das Tal hinauf, bis zum Ende des Skulpturen-Gartens. Findlinge stehen dort, einsam ihren Kreis ziehend, auf einer weiten Wiese, zusammen mit Mandel- und Olivenbäumen. Es ist schön hier. Sehr schön. Und es riecht so gut nach frischem Gras. Die Gärtner sind beschäftigt die Wiesen zu mähen und Arbeiten an einigen Skulpturen vorzunehmen…

Wir setzen uns ein letztes Mal auf eine Bank und sind Ben und Yannick Jakober sehr dankbar für diesen Ort der Kunst, den sie hier geschaffen haben. Für die Sammlung der NINS haben wir keinen Eintritt bezahlt. Kaum zu glauben. Als wir endlich aufbrechen, legt sich schon das Abendlicht weich auf die streng geschnittenen Buschreihen am Rande der Zufahrt und wir machen uns auf den Rückweg zu unserem Auto. Nächstes Mal, so sind wir uns ganz sicher, werden wir für die Sammlung zeitgenössischer Kunst wiederkommen.

http://www.fundacionjakober.org

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - writes about her work

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