Kartograph der Seele

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Möwen

" le chien" _ nach Giacometti

“ le chien“ _ nach Giacometti

26-02-2013

Alberto Giacometti in Hamburg

Ich erinnere mich noch sehr gut, als ich Herrn Giacometti das erste Mal in freier Wildbahn traf. Wir waren eine Gruppe von ambitionierten Gymnasiastinnen, feldforschend unterwegs an einigen sehr kalten  Wintertagen eines Januars in Paris.

In diesem Jahr 1989, war der Winter wirklich klirrend, es schneite ausgiebig und auf allen Brücken über der Seine glaubte man augenblicklich festzufrieren. Und da die Cafés der Pariser Innenstadt auch damals schon sehr teuer waren und wir Schüler streng über unsere Portemonnaies wachten, kam eine von uns irgendwann auf die Idee, das Angenehme mit dem Sinnvollen zu verbinden. So verbrachten wir den Sonntag zeichnend in den Skulpturen-Abteilungen des Louvre, der Eintritt war frei und das Haus gut geheizt. Wir bahnten uns unseren Weg zeichnend von den Griechen über die Römer, vorbei an der wunderbaren Nike im Treppenhaus, bis hinein in die Abteilungen der klassischen Moderne…

Offen gestanden halluziniere ich, nachdem ich das Internet bemüht habe, stelle ich fest, daß der Hund ‟le chien“, von dessen Begegnung ich berichten wollte, daß diese Begegnung ganz offensichtlich in Zürich, in der Giacometti-Stiftung stattgefunden haben muß… Seltsamerweise kann ich mich nicht erinnern auf der viertägigen Kunstfahrt, Basel, Winterthur und Zürich, die wir im Jahr darauf absolvierten, gezeichnet zu haben. Gleichzeitig gibt es auf der Internetseite des Louvre keinen Hinweis darauf, daß die Franzosen einen ‟le chien“ ihres Landsmannes besitzen. Vermutlich verbinden sich im Laufe der Jahre die Superlativen miteinander und so ist es mir ganz unmöglich anderes zu denken, als daß ich einem Werk von Giacometti das erste Mal in Paris begegnet sei. Aber wieso auch nicht? Paris und Giacometti gehören unlösbar zueinander…

Ich erinnere mich also noch gut an die erste seiner Skulpturen, die ich sah, an ‟le chien“, ich erinnere mich auch an die großen Schreitenden und an die Begeisterung meiner Kunstlehrerin ob dieser dürr ausgezehrten Gestalten, mit den großen Sockeln und den riesigen Füßen. Woran ich mich nicht erinnern kann, ist ihre Begeisterung geteilt zu haben. Zu düster schien mir dieses Werk, zu verschlossen, zu traurig der Blick auf die Welt. Vielleicht kam es aber auch nur daher, daß sie uns verständlich zu machen suchte, wie wohl ein Künstler die Menschen in der Nachkriegszeit gesehen habe, nach den Entbehrungen, nach dem Hunger, den vergangenen Schrecken. So blieb mir Giacometti über Jahrzehnte als der verletzte Blick auf die Welt in Erinnerung. Und seltsam, ich hatte Mitleid mit seinen Gestalten, vor allem mit dem Hund – und so zeichnete ich ihn, mit hängendem Kopf und ausgezehrten Rippen…

***

Alberto Giacometti, Portrait Van Gogh

Alberto Giacometti, Portrait Van Gogh

Wie ich nun nach Hamburg aufbreche weiß ich, es gibt neben beruflichen und privaten Gesprächen die Möglichkeit verschiedene Ausstellungen zu besuchen. Es ist nicht Januar, sondern Ende Februar und es ist ähnlich kalt, wie ich diesen französischen Winter vor vielen Jahren in Erinnerung habe… Ich weiß, ich könnte mir Giacometti ansehen, doch es zieht mich nicht so recht, und die Tage sind schon fast verstrichen, bis ich durch einen glücklichen Zufall erfahre, daß das Kunst Forum neben dem Rathaus, die ganze Woche geöffnet hat, sogar Montags. Und dann lese ich, worum es geht in dieser Ausstellung: Portraits.

Und so mache ich mich doch auf den Weg, mit einem Lächeln, denn es macht Spaß zu glauben, die Welt bestehe nicht aus Zufällen, sondern werde, jeden Morgen, genauso für mich auf dem Silbertablett präsentiert, wie es zu meinem eigenen Besten und Wohle bestimmt ist. Ich lächle, weil mir seit ein paar Tagen Ideen durch den Kopf schwirren von Arbeiten für eine neue Ausstellung, in denen Gesichter eine wichtige Rolle spielen könnten… In der Ausstellung lächle ich weiter, denn hier endlich, an einer klar aufgezeigten zeitlichen Entwicklung, werden auch einmal Albertos kleinste Skulpturen gezeigt, von denen ich schon gehört, aber die ich noch nie gesehen habe. Ich weiß nicht mehr, woher ich die Geschichte habe, daß er einige Jahre voller Verzweiflung gearbeitet habe und nie eine Skulptur vollbrachte, die größer als 5 cm war. Falls dies wahr ist: welche Phase der Verwirrung und der Düsternis für einen Bildhauer. Einem, der in erster Linie von Arbeiten für den öffentlichen Raum leben kann. Auch Kahnweiler, der langjährige Galerist von Picasso sagte einmal: wer als Galerist verhungern wolle, solle ausschließlich Bildhauer vertreten, dies sei jedermanns Ruin… Und da stehen sie in einer langen Vitrine, so klein und zart und doch von solcher Raumpräsenz, daß ich es kaum glauben kann. Ich bin glücklich, ich lächle weiter und wundere mich nicht, diese hier zu finden, wo ich nun plane längst angedachte Kleinfiguren für die nächste Ausstellung im Herbst zu realisieren…

Die Ausstellung ist gut besucht, und durch klug abgeteilte Kabinette haben nahezu alle Arbeiten oder Werkgruppen eine eigene Blickachse in diesen Räumen… Giacomettis Köpfe… Sein Vater, seine Schwester, sein Bruder, in den frühen Jahren. Man sieht noch deutlich den Einfluss des Kubismus, zunächst, dann auch die Zeit der Zusammenarbeit mit den Surrealisten. Dann, mit einer Büste seines Bruders Diego, die von jeder Betrachtungsseite nicht mehr ist, als eine Fläche im Raum, ein Profil, beginnt er seinen eigenen Weg zu gehen. Und was für einen. Lange Zeit waren mir Zeichnungen zuwider, in denen es ein Bündel von Linien zu sehen gibt, in der sich keine einzige von ihnen, wirklich, für das Objekt klar entscheiden kann, das sie beschreibt. Es gibt Unmengen solcher Zeichnungen, vor allem aus den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Grafische Blätter, die mir schon immer zu unentschlossen und beliebig schienen, zu gleichgültig in ihrem Blick auf die Welt. Und damit völlig entbehrlich…

Heute bleibe ich wie angewurzelt vor Giacomettis Blättern stehe: kein Buch war vor ihm sicher, kein Kunstkatalog, keine Zeitung. Auf jedem Blatt Papier, das in seinem Alltag greifbar war, so scheint es, machte er seine zeichnende Notizen über den Menschen und  dessen Gesichter. Er zeichnete Van Gogh Portraits genauso nach, wie die Fotografien französischer Politiker in Tageszeitungen. Analytisch überlegend, das Gesicht in seine Einzelteile zerlegend, nach seinen grundlegenden Strukturen befragend… und immer ganz in der Tiefe.

Und die Augen.

Die Augen dieser Zeichnungen lassen mich einfach nicht los. Manchmal sind die Köpfe verwischt, als habe er auf Transparentpapier gearbeitet, oder mit einem Radiergummi den Kontrast fortgenommen. Und trotzdem sind sie alle sehend… Aus einem Gewirr von Linien und ohne klarer Kontur sind diese Gesichter so sehend und lebendig, wie ich kaum etwas in den letzten Jahren gesehen habe. Man glaubt hinter dem Papier noch die Bewegung der Seele zu spüren…  Manche Leinwände sind beidseitig bemalt und zentral im Raum ausgestellt und ich muß um jedes herum gehen, um zu sehen, was sich hinter der Leinwand verbirgt… Ich bin so verblüfft und überrascht, daß ich mich kaum losreißen kann. Im Ersten Stock, dann nochmals ein Rundgang mit Skulpturen, Büsten und Stelen… Doch die Gesichter im Erdgeschoß, sie lassen mich einfach nicht los…

Wir setzen uns noch einige Zeit in den Filmraum, schauen Alberto bei seiner Arbeit in seinem Pariser Atelier zu, hören ihn sprechen von der Annäherung an das Modell. Er erzählt, wie er mit seiner Arbeit beginnt, daß er das Bild, das entstehen soll, schon fast klar vor Augen hat und sobald er beginnt, zieht es sich vor ihm zurück in die Unendlichkeit des gedachten Raumes. Und er jagt ihm hinterher. Tage, Wochen, manchmal Monate. Daher wechselt er seine Modelle kaum. Er befragt die Gesichter der Menschen, die er modelliert immer wieder aufs Neue. Um hoffentlich irgendwann den Punkt zu erreichen, an dem es ihm -fast- gelungen ist, den Blick einzufangen. Aber dieser Punkt, so weiß er, wäre auch in 1000 Jahren, nie 100%ig erreicht. So ist es auch völlig unsinnig, beschließt er, sich mit der abzubildenden Realität aufzuhalten…

Eine kluge Entscheidung, finde ich, denn diese Jagd, von der er spricht, sie ist mir wohl bekannt. Es ist immer schön für mich, schließlich eine solche Ausstellung zu verlassen und mich in meiner Arbeit verstanden zu wissen – wenigstens für einen Tag, fest daran glauben zu können, auf dem richtigen Weg zu sein. An all den anderen Tagen beginne ich wieder von vorn, mit dem Fischen im Trüben… Ich bewundere ihn heute wirklich und das erstaunt mich umso mehr. Auch mein Blick hat sich gewandelt, der Blick auf Alberto Giacomettis Arbeit. Er sagt er beschränke sich darauf, die Wölbung der Auges einzufangen, und wenn ihm das gelänge, dann könne er aufatmen. Wenn er den Blick seines Modells einfange, ergebe sich alles andere von selbst…

Wir verlassen den abgedunkelten Kinosaal und sind ein Weilchen ganz still. Draußen, neben dem Rathausplatz, neben den Arkadenbögen, kreischen die Möwen über der kleinen Alster und lassen sich im kalten Winterwind schaukeln. Ein Junge wirft Brotkrumen in die Luft und die Vögel scheinen über ihm zu stehen. Akrobatische Flieger, mit nichts unter den Schwingen als Luft. Nun, es gibt Künstler, die haben gelernt auf dieser Luft zu gehen… Und ich ziehe in Gedanken meinen Hut…

giacomettiAlberto Giacometti – Begegnungen – 26.01. – 20.05. 2013

http://www.buceriuskunstforum.de

* http://www.ernst-scheidegger-archiv.org

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - she writes about her work an inspirations.

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