Kühe auf Meisterwerken

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Segantini_Mittag in den Alpen
Segantini_Mittag in den Alpen

Segantini_Mittag in den Alpen_ ⓒ wikimedia

08-03-2013

…oder über die Mode in der Kunst…

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Als Freddie Mercury 1991 starb, schrieb ein verwegener Journalist: „nur ein toter Sänger ist ein guter Sänger.“ Queen polarisierte schon immer und jener Journalist gehörte offensichtlich zu jenem Teil der Menschheit, die Mercury mit seinen Krönungsmänteln und Balletposen überfordert hatte.

 

Ähnliches hörte ich auch schon von der Kunst sagen: „nur ein toter Maler ist ein guter Maler.“ Zumindest ist nach dem biologischen Tode die Verknappung automatisch gegeben, und das Werk bleibt übersichtlich. Interessanterweise wird ja aber nicht jeder Künstler postum automatisch berühmt. Auch das Kommen und Gehen von Künstler Biographien erscheint mir in der Rezeption der aktuellen Gegenwart, einer Mode zu unterliegen. Wenngleich solche Gedanken nicht immer gern gehört werden. Mein Grundklassen-Professor entsetzte sich und behauptete schlicht, eine Mode in der Kunst sei ein unaussprechliches Unding. Und ich gebe ihm insofern recht, als ich weiß, daß eine zeitgenössische Kunst, die der augenblicklichen Mode entspricht, oft hilflos nichts anderes tut, als nach dem Markt zu sehen. Und das ist natürlich „pfui“. Ich als Künstler kümmere mich ausschließlich ums Werk und überlasse die Frühstücksbrötchen anderen… : Trotz aller Ironie, weiß ich doch um die Zerbrechlichkeit der Kunst, die sich an manchen Tagen, leicht wie ein Vögelchen auf  meine Hand setzt und an anderen Tagen schlicht durch Abwesenheit glänzt.

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Doch ich schweife ab… zurück zur Mode. Gestern besuchte ich meinen Großhändler, der eine ganz wunderbare Buchabteilung mit Kaffeetresen unterhält, und war nicht schlecht erstaunt, im Bücherregal einen großen Bildband über Segantini vorzufinden. Ich fragte mich augenblicklich, ob Asta Scheib, deren biografischen Roman über Segantini ich derzeit lese, hier schlafende Hunde geweckt hat. Ihr Buch erschien 2010. Leider habe ich vergessen, im Impressum des Bildbandes, nach dem Veröffentlichungstermin zu sehen…

Noch erstaunter war ich kürzlich bei meiner Recherche zu einem Basel Aufenthalt. Die Fondation Beyeler zeigt derzeit eine große Hodler Ausstellung. Ferdinand Hodler! Über den einer meiner Lehrer vor 20 Jahren auf einer Kunstfahrt sagte – dies sei ein schweizerischer Lokal-Heiliger, der Berge und glückliche Kühe gemalt habe. Diese Äußerung tat er zu einer Zeit, als die Abteilung der Moderne in der Staatsgalerie nur in Weiß-, Schwarz-, Braun- und Grautönen gehalten war. War man an den dunklen Bildern von Beckmann und Schlemmer vorbei, fand man sich fast nahtlos vor Filzbahnen und Eisenplatten von Beuys wieder… Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ein großer Beuys-Fan. Aber schon in meiner Kindheit erschien mir die Abteilung der Moderne als ein toter, unbunter Ort.

Hodler_ Landschaft am Genfer See

Hodler_ Landschaft am Genfer See_ⓒ wikimedia

Giacometti_ Flimser Panorama

Giacometti_ Flimser Panorama_ⓒ wikimedia

Seit dieser Zeit hat sich die Kunst gewandelt. Männern wie Doig, Hockney, Bisky, Rauch und Ford danken wir es, daß die Farbe heute ins Bild zurückgekehrt ist. Und mit ihnen kommt die Farbe offensichtlich auch zurück ins Museum… Segantini, Hodler…  ich hoffe auch, daß man in absehbarer Zeit Alberto Giacomettis Vater – Giovanni – eine Ausstellung widmen wird. Der anders als sein Sohn, nicht zu gleichem Weltruhm gelangt ist…

Ich bin froh über diesen frischen Wind in der Kunstrezeption. Vielleicht kann ich, durch die neue gegenständliche Malerei, Gemälde mit Bergen und Kühen in Ruhe betrachten, ohne mir kindisch oder geschmacklich unterentwickelt vorzukommen. An den Akademien wird schon lange kein „plein air“ mehr unterrichtet und die Darstellung der Landschaft, der Dörfer, der Menschen, des Lichts wurde zunehmend ein Metier der „Hobbymaler“ und damit als Sujet für die „Professionellen“ ein absolutes „no go“. Nicht umsonst trug Hockneys Ausstellung 2009 bei Würth den provokanten Titel „nur Natur“.

Vielleicht lebe ich jetzt in einer Zeit, in denen ich Kühe auf Meisterwerken wieder als das betrachten kann was sie sind: Kühe auf Meisterwerken.

***

– Giovanni Segantini  1858 – 1899, http://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Segantini

– Ferdinand Hodler  1853 – 1918, http://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Hodler

– Giovanni Segantini  1868 – 1933, http://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Giacometti

– Fondation Beyeler, http://www.fondationbeyeler.ch

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - writes about her work

2 Comments

    • ich danke Dir sehr herzlich! ich denke Kühe und Schafe könnens jetzt auch wieder genießen auf den Bildern… liebe grüße t

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