jeder will nach Bali oder…

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19-04-2013

über heilsame Bilder

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Nun – zugegeben, spätestens seit „eat, pray, love“ scheinen auch die letzten von uns Kreativen von der Idee besessen zu sein, Bali zu bereisen. Ich eingeschlossen. 

Vermutlich bin ich mit diesem Anliegen ähnlich spät, wie mit meinem Wunsch Indien zu sehen: Rotel Tours – Sie wissen schon, der Bus mit den kleinen Büchsen im Anhänger, in denen man schlafen kann – bot bereits 1962 Reisen nach Indien an… 

Wie ich im Internet vernehme, sind die Turbulenzen des o.g. Filmes nicht spurlos am Künstlerstädtchen Ubud auf Bali vorübergegangen. Laut Bericht überschwemmt derzeit eine Horde englischsprachiger, vierzigjähriger Frauen in Kaftanen, die grüne Blumeninsel. Sie stehen duftig im Abendwind und raunen sich gegenseitig zu: „ich schreibe an einem Roman“. Der größte Teil davon, so vermute ich, wird auf der Suche nach sich selbst sein… Genau wie ich und so viele andere unserer Altersgenossen und Genossinnen zwischen 40 und 50. Nun, ich wünsche ihnen und mir viel Erfolg, denn daß der Mensch eines Tages sich selbst wirklich finden sollte, dies wäre als durchschlagender Erfolg zu verzeichnen. Wenn sich selbst finden bedeutet: der Kopf wird stille und das ewige unstillbare, unersättliche, nie zufriedene Wünschen ist beendet.

Doch zurück zum Thema…

Ulun Temple on Lake Bratan_Bali_ ⓒ Jimmy McIntyre_Wikimedia

Ulun Temple on Lake Bratan_Bali_ ⓒ Jimmy McIntyre_Wikimedia

Von all dem abgesehen hat mich ein Aspekt des Filmes, genauso wie des Buches, wirklich und nachhaltig fasziniert: die Tatsache, daß es auf Bali eine eigene Berufszunft zu geben scheint, in der Künstler als Heiler tätig sind. Mehr noch, in der das Bildwerk alltäglicher, selbstverständlicher Bestandteil der Medikamentierung ist. Unvergessen, die Szene, in der Julia Roberts eine Tuschzeichnung überreicht wird, die ihr als Leitfaden und Merkzettel gleichermaßen dienen soll. Diese Zeichnungen werden auf Bali als Rerajahan bezeichnet, als „sacred drawings“, als heilige Zeichnungen. Und ich finde über sie folgende Auskunft:

Laut eines Berichtes ist ihre Anzahl und Ihre Häufigkeit so groß, daß sie im täglichen Leben auf Bali als selbstverständlicher Bestandteil des Gesamtkunstwerks von Vegetation, Blumen, Farben und Sinneseindrücken gänzlich aufgehen. Rerajahan wird auf Bali als religiöses Symbol oder religiöse Zeichnung verstanden und findet sich auf Stoff, Metallplatten, Töpferwaren, Blättern, Obst, Holz, Waffen, Körben, Haut oder jeder nur anderen erdenklichen Unterlage. Und man unterscheidet elf verschiedenen Gruppen. Es sind entweder Kombinationen ornamentaler Zeichen, oder Gruppierungen mit Tieren, Darstellungen von Göttern und Dämonen oder heiligen Gebäuden. Die Zeichnungen können zu Heilzwecken genauso eingesetzt werden, wie zum Fluch. Sie laden die balinesischen Gottheiten ein, zur Welt der Sterblichen herabzusteigen, um für den Nutzer oder Käufer einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Manchen geht es um die Reinigung von Körper und Seele, andere wünschen die spirituelle Kraft eines Tieres oder eines Menschen zu besitzen. Sie wünschen, sich bestimmte Fähigkeiten oder Kräfte anzueignen, um Sympathie oder Bewunderung anzuziehen, Krankheit oder Unglück zu abzuwenden. Die Zeichnungen werden eingesetzt, um Dörfer, Reisfelder und Kinder zu schützen und um magische Angriffe von Feinden abzuwehren. Damit die Zeichnung all diese Erfordernisse erfüllen kann, wird sie, nachdem sie fachkundig fertiggestellt ist, mit heilenden oder magischen Kräften, innerhalb einer Zeremonie aufgeladen. Genutzt oder benutzt wird sie auf vielfältige Weise. Man hängt sie an Häuser oder in Wohnräume, manche werden in Gürteln oder Shirts eingerollt am Körper getragen. Als besonders gefährlich gilt es, die Zeichnung zu verschlucken, da die Balinesen glauben, daß die Rerajahan lebendig sind und dem Nutzer schaden oder ihn beherrschen können, auch wenn sie in guter Absicht eingesetzt werden.

Ketut Liyer_ ⓒ iyhberry 2

Ketut Liyer_ ⓒ iyhberry 2_ youtube still

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Als ich dies alles gelesen habe, brauche ich einige Zeit zum Nachdenken. Daß Bilder heilende Kräfte besitzen ist keine so exotische Idee. Anders der Gedanke, ein Bild oder eine Zeichnung könne „erwachen“ und ein Eigenleben führen. Ein Gedanke, der uns hier, im europäischen Raum, eher fremd ist und zu dem mir spontan lediglich die Geschichte über das Bildnis des Dorian Gray einfällt. Ein Bildnis, das ebenfalls ein Eigenleben besitzt, indem es den inneren, moralischen Verfall und die Alterung des Portraitierten zeigt. Ohne, daß je ein Maler noch einmal Hand an es gelegt hätte…

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Dann fallen mir doch zwei Reiseerinnerungen ein. Die erste Episode, von der ich berichten will, spielt sich auf Kreta ab. Ich vermute 1996 oder 95:

Ich nahm damals an einer fünftägigen Studienreise über die Insel teil und neben den berühmten Ausgrabungen von Knossos stand auch der Besuch eines winzigen Klosters in den Bergen auf dem Programm. Ich kann mich weder an den Ort, noch an das genaue Datum erinnern, aber der Garten war von einer groben Steinmauer umgeben und in ihm standen weiße Lilien, die betörend in den aufziehenden Abend dufteten. Im Herzen der Anlage, eine kleine Kapelle, ebenfalls aus rohem Stein, wie man ihn von den kargen Äckern dort aufliest. Im Innern – Halbdämmer. Ein kleiner Altar mit einer Ikone und darum herum Vasen mit Bünden weißer Lilien. So betörend im Duft, daß ich nach kürzester Zeit den Raum verlassen mußte, um dem hämmernden Kopfschmerz zu entgehen. Unsere Führerin berichtete, daß die Verehrung dieser Ikone einen besondereren Rahmen angenommen habe. Sie sei mehrfach verschwunden und auf magische Art und Weise immer wieder, ganz von selbst, an den ihr angestammten Platz zurückgekehrt. Bis man sich entschlossen habe, dem Kommen und Gehen ein Ende zu setzen und das Tafelbild am Altar ankettete. Wenn ich mir diese Geschichte heute nochmals in Erinnerung rufe, wundere ich mich selbst, wie ich diese damals aufgenommen habe. Keine Sekunde hatte ich den Gedanken an ein Szenario, das junge Burschen am frühen Abend in einem unbeobachteten Moment in der Kapelle zeigt: eine Bildtafel, die in einer Jacke verschwindet…  Kein einziger Gedanken daran. So ernsthaft war der Bericht unserer Führerin, über den tief verwurzelten Glauben dieser Menschen. Eine Ikone schien für sie lebendig zu sein, schien vielleicht sogar eine eigene Seele zu besitzen. In jedem Fall konnte sie im Volksglauben, selbst über den Ort ihres Aufenthaltes bestimmen.

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Die zweite Erinnerung bringt mich etwa acht Jahre später in den Bayrischen Wald. Direkt an die tschechische Grenze. Ein Land der Tannen, der Glasbläser und der Marienwallfahrtsorte. Wir besuchten ein kleines Städtchen, Neukirchen beim Heiligen Blut. Eine Kirche, ein Wallfahrtsmuseum, eine Rosenkranzmanufaktur. Drumherum nicht viel mehr als ein Straßendorf. Und außerhalb der Saison völlig ausgestorben. Nicht einmal ein Hund auf der Straße. Trotzdem beherbergt dieses Örtchen einen der wichtigsten Marienwallfahrtsorte in ganz Bayern. Die Kirche mit ihren tonnenschweren und reich verzierten Opferkerzen ist in jedem Fall einen Besuch wert: Wallfahrer haben hier nicht nur Votivtäfelchen mit der Bitte um Gesundheit abgegeben, sondern ihr eigenes Gewicht in Wachs aufwiegen und daraus Opferkerzen ziehen lassen. Das Marienbildnis aber, ist der eigentliche Grund, wieso mir diese Geschichte, in diesem Zusammenhang, wieder in den Sinn kommt. Die Legende sagt, daß das Bildnis 1420 während eines Angriffes der Hussiten mit einem Säbel oder Schwert beschädigt und beinahe zerstört wurde. Ein Hussit wirft die aus der Wunde blutende Figur in einen Brunnen und muß zu seiner Verwunderung feststellen, daß diese aus eigener Kraft an ihren angestammten Platz zurückkehrt. Auch diese Geschichte, beinhaltet die Überzeugung, ein Abbild führe ein Eigenleben, das in Vertretung der Mutter Gottes die Bitten der Betenden in Empfang nimmt und als Fürsprecher der Seelen auftritt. Oft auch über Gesundheit oder Krankheit entscheidet. Und dieses Marienbild ist nicht das einzige. Bayern ist, in meiner Wahrnehmung, voll von Madonnen, die kommen und gehen, wie es ihnen beliebt.

Gnadenbild Maria Plein_ ⓒ Wikimedia

Beispiel eines Gnadenbildes aus Österreich_ Maria Plein_ ⓒ Wikimedia

Doch nicht allein die Religionen glauben an die Heilkraft und das Eigenleben von Bildwerken. Nachdem ich nun den Beginn des Artikels niedergeschrieben habe, fällt mir plötzlich ein Bericht mit einer Aussage von Mark Rothko ein, der erzählt, daß Betrachter vor seinen Werken in Tränen ausgebrochen und auf die Knie gegangen seien. Sie seien in der Lage gewesen, ebenjene religiösen Gefühle nachzuempfinden, die er während des Schaffensprozesses in seine Gemälde hineingelegt habe. Ich suche den Bericht und finde ihn leider nicht mehr… Tragisch, denke ich, wenn es stimmen sollte, daß eben seine Bilder nicht in der Lage waren, ihn selbst zu retten. Mark Rothko wählte 1970 den Freitod und galt als manisch-depressive Persönlichkeit.

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Bei meiner Suche stoße ich auf einen Focus Artikel aus dem Jahr 2010, der sich mit der Wirkung von Kunst auf den Betrachter beschäftigt. Zunächst wird mir als Leser verordnet dem Kunstwerk möglichst neutral zu begegnen, damit mein Gehirn optimal zur Arbeit angeregt werde – und ja, soweit sind wir schon in die verschlungenen Pfade der Psychologie und des Bewußtseinslehre vorgedrungen: der Autor behauptet, die Kunst funktioniere lediglich als Spiegelbild der eigenen Psyche. Er führt folgendes Beispiel an. Fühle ich mich deprimiert bei der Betrachtung eines schwarzen Bildes, ist dies nicht die Schuld des Malers. Die Wahrnehmung spiele sich allein in meinem Kopf ab, als Bühne meiner Erwartungen und früher gemachten Erfahrungen. Aber ist dies alles? War‘s das wirklich?

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Ich glaube inzwischen nicht mehr ganz daran. Unabhängig von dem nicht mehr nachzuvollziehenden Bericht über knieende und weinende Menschen, vor Mark Rothkos Bildern, habe ich doch erst jüngst im unbeabsichtigten Selbstversuch erfahren, was ein Leser, über ein von mir gebloggtes Bild, dachte und er beim Betrachten empfand. Und: ohne die ganze Geschichte zu berichten, die weiteren Betrachtern die Möglichkeit der eigenen Geschichte nehmen würde: ich war verblüfft was dieser Betrachter gefunden hatte und wie viel von dem, was ich ins Bild beim Malen „eingespeist“ hatte, am anderen Ende, nahezu 1:1, als Wahrnehmung ankam. Teilt nun also dieser Betrachter lediglich meine Erfahrungen – fragte ich mich? Oder gibt es über die persönliche Erfahrung hinaus, eine Art ‟Metaebene“ im Kunstwerk, die immer mitschwingt? Wie der Rhythmus einer Musik, oder das Summen eines Gerätes im Hintergrund? Ich weiß es nicht… werde diese Frage aber sicher im Auge behalten…

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Ein weiterer, interessanter Bericht, aus dem Jahr 2008, spricht von einem italienischen Forschungsteam, das sich mit der Frage beschäftigte, inwieweit die, sehr wohl subjektiv empfundene Schönheit, eines Werkes, das Schmerzempfinden des Menschen beeinflussen kann. Und siehe da, der Bericht wartet mit einem überraschenden Ergebnis auf: trotz subjektiver Wahrnehmung, verschob sich das Schmerzempfinden beim Betrachten von Botticelli und Leonardo angeblich um ein Drittel in den positiven Bereich. Interessant an dem Bericht vor allem, daß mit einer großen Gruppe von Menschen gearbeitet wurde, die Werke aber von einem kleinen Forschungteam selbst, subjektiv, in zwei Gruppen ausgesucht wurden: subjektiv häßliche und subjektiv schöne Bilder. Auch hier stellt sich für mich die Frage nach einer ‟Metaebene“ in der Bildbetrachtung. Teilen sich Gefühle von Erhabenheit, Schönheit, Zeitlosigkeit, die der Maler bei seinem Tun gegebenenfalls empfindet dem Betrachter mit? Oder worin sollte der offensichtlich schmerzlindernde Effekt sonst begründet sein?

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Ein letzter Bericht, den ich aufschlage ist aus dem Jahr 2011: hier wird von einer Forschungseinheit aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg berichtet. An sechzig Teilnehmern, die zuvor wenig oder gar nichts mit Kunst zu tun hatten, wurden umfangreiche psychologische und neurologische Tests durchgeführt. Vor und nach der umfassenden Beschäftigung mit Kunst. Das ebenfalls überraschende Ergebnis: laut Bericht hinterläßt die Beschäftigung mit Kunst Spuren im Gehirn, die auf magnetresonanztomographischen Aufnahmen sichtbar gemacht werden können. Das Ruhezentrum des menschlichen Gehirns wird aktiviert und sein Vernetzungsgrad offensichtlich deutlich verbessert. Verbindungen, die vor den Kursen auf ‟stumm“ geschaltet waren, zeigen auf den Aufnahmen neue Aktivitäten. 91 Prozent der Teilnehmer fühlte sich besser und bestätigten, daß Kunst weiterhin ein wichtiger Teil ihres Lebens bleiben werde.

12 minutes to heaven_ ⓒ Evan89_Wikimedia

12 minutes to heaven_ ⓒ Evan89_Wikimedia

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Ich reibe mir die Augen und stelle fest, daß es für heute genug der Recherche ist, hole mir eine Tasse Tee und schließe für heute mit der Frage: wo beginnt für uns die Heilung?

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Informationen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bali

http://balihealer.com

http://tyglobalist.org/in-the-magazine/theme/healers-and-hospitals-a-story-of-healthcare-in-bali/

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Bildnis_des_Dorian_Gray

http://de.wikipedia.org/wiki/Mark_Rothko

http://de.wikipedia.org/wiki/Sandro_Botticelli

http://de.wikipedia.org/wiki/Leonardo_da_Vinci

http://de.wikipedia.org/wiki/Hussiten

http://de.wikipedia.org/wiki/Votivgabe

http://de.wikipedia.org/wiki/Eat_Pray_Love

http://de.wikipedia.org/wiki/Neukirchen_beim_Heiligen_Blut

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - writes about her work

17 Comments

    • Tja, dann haben wir wohl die „Vor-Elizabeth-Gilbert-Phase“ auf Bali verpasst…
      Vielen Dank für Deine links. Werde mir Deine Reiseberichte nächste Woche mit Muße vornehmen…
      Schönes entspanntes Wochenende lg t

  1. Hallo Tanja! Ich war vor acht Jahren mal für drei Wochen mit dem Rucksack auf Bali und diese Reise wirkt bis heute auf mich. Jedoch weniger spirituell als vielmehr ’synästhetisch‘ – die Gerüche, die Farben, die Klänge, die verschiedensten Temperaturen, das Essen, der Sand unter den Füßen. Und weiter: die Architektur, die Religionen, die Reisfelder, Coca Cola in Tüten, Frauen die Straßen bauen, Männer die faulenzen, die Unsichtbarkeit im Frausein… viele, viele Facetten. Ich muss aufhören! ;) Kurzum, für mich als Mensch war und ist Bali besonders – in jeglichem Sinne! Danke für Deinen Beitrag und das Aufwecken meiner Erinnerungen! Liebe Grüße

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