über die guten Dinge…

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über die Arbeit - creative processes / Text - text
Neurosciences_ ⓒ Nicolas P. Roulier_ Wikimedia

Neurosciences_ ⓒ Nicolas P. Roulier_ Wikimedia

21-05-2013

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… eigentlich wollte ich mich nach dem Interview mit Franziska Kümmerling direkt im Anschluß dem Thema -der Künstler als Zeitmaschine- widmen… Wenn mir nicht heut früh beim Bloggen wieder etwas ganz anderes vor „die Flinte“ gelaufen wäre:

(Versprochen, den Künstler in der Zeitmaschine gibt es im nächsten Themen-Block…)

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Die erste Seite, auf der ich heute früh gelandet bin, war die eines amerikanischen Autors. Und sein Artikel zum Tag war mit der Überschrift -bitter sweet- beschriftet. Der Grundtenor der Tagesbotschaft: wir alle erwarten vom Leben das Schlechteste, sind sprachlos über die Dinge, die sich täglich vor unseren Augen weltweit ereignen und sind über jeden Krümel Glück, der sich auf dem Weg unseres Tagesmarsches niederläßt, entzückt. Hm… ok…

Eine halbe Stunde später die Kolumne eines Journalisten, der über den täglichen Wettkampf beim Joggen im Park berichtet. Über Menschen die nie lächeln, es sei denn siegesgewiß, weil die entgegenkommende Läuferin endlich aufgibt, aufgrund starken Regens. Und da frage ich mich früh um 9.30 Uhr – hallo?!

In welcher Welt leben wir eigentlich? Sind wir soweit gekommen, daß die Runden im Park zur Kriegerklärung verkommen? Männliche Hormone einmal ausgenommen ( ich weiß sehr wohl um die Liebe zum Wettkampf unter „echten Kerlen“). Aber was zum Kuckuck tun wir da eigentlich? Angeblich treiben wir Sport zum Ausgleich und zur Entspannung?

Zugegeben:  ich kenne es, das Leben. Zumindest, den Teil, der sich die meiste Zeit vor meiner eigenen Türe abspielt… Ich weiß von jahrelangen schweren Krankheiten, vom Alter, vom Tod, von der Verzweiflung und von der Vorstellung des Mangels. Ich weiß von den schwierigen Zeiten, ohne Arbeit und Geld und ich weiß um die Schlingerkurse, die wir zeitweise in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen hinlegen. Von den Anstrengungen und der Abgespanntheit nach langen Arbeitstagen. Von den Sorgen durchwachter Nächte und von der Krankenpflege. Ich weiß Geschichten von der Hoffnungslosigkeit und von der Frage: was wenn wir nie irgendwo ankommen? Was, wenn dies alles, hier und jetzt keinen Sinn macht? Nie Sinn gemacht hat und nie Sinn machen wird?

Ich kenne alle diese kleinen Kartons, die bisweilen, von einem klingelnden Postboten des Weltenlaufs, auch an meiner Tür abgegeben werden. Zugegeben, manche Tage sind wirklich -bitter sweet-, aber ist das wirklich alles? Wollen wirs dabei bewenden lassen?

In den letzten Monaten, bedingt auch durch zahlreiche Fortbildungen, frage ich mich immer öfter: habe ich nicht doch auch aktiven Einfluß auf die Welt in der ich lebe und leben will? Selbst in einem ausgesprochen schulmedizinisch-wissenschaftlich orientierten Bericht auf arte, über das menschliche Bewußtsein, den ich mir kürzlich ansah, mußten Forscher, die sich reichlich mit unserer gallertartigen Masse, die sich in zwei hohlen Händen verstauen läßt, beschäftigten, einräumen, daß das Gehirn durch täglich neue Vernetzung umgebaut und neu gestaltet wird. Sogar im Alter. Angeblich werden neuronale Verknüpfungen täglich neu gebildet, was ich recht einfach nachvollziehen kann, wenn ich daran denke, daß es nicht nur Menschen mittleren Alters noch möglich ist, das Skifahren zu erlernen, sich für italienische Kurse anzumelden, oder Tangoschritte einzuüben. Mein Großonkel begann seine Karriere als Querflötist im zahrten Alter von 80 Jahren. Und genau hier sind wir beim interessantesten Aspekt dieser Geschichte… Beim ÜBEN..

Eine Disziplin, die auch in meinem künstlerischen Metier nicht mehr sehr hoch geschätzt wird… Das „unverbrauchte weiße Blatt“, (das meiner Meinung nach eine Fiktion ist), die Innovation, wird weitaus höher geschätzt, als die Praxis. Ganz anders dagegen heute noch in der Musik: wer Konzertpianist werden will, übt, genau wie vor hundert Jahren, viele Stunden täglich.

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Läßt sich also „DAS GUTE“ ebenfalls EIN-üben? Kann ich lernen meinen tägliche Fokus weiter zu verschieben, weg von den Dingen, die ich nicht mag, die für mich nicht in Ordnung sind, die mich unzufrieden machen, hin zu den Dingen, die ich feiern sollten und für die ich täglich dankbar sein darf?

Auch hier gilt die alte Regel, daß genau die Dinge, die immer da sind, die Gewohnheit haben, in unserem Alltag unsichtbar zu werden… Sie verschwinden. Verblassen, verschwimmen vor einem Hintergrund, der überfrachtet ist, mit medialen Katastrophen, Meldungen und Informationen, die sich negativ konnotiert gut verkaufen…Wir vergessen plötzlich, daß wir einen liebenden Ehemann/ eine liebende Ehefrau habe. Ich vergessen manchmal, was mich ursprünglich einmal so glücklich gemacht hat, an meiner Arbeit. Ich vergesse die Freunde, die Treffen, das Kino, die Bücher, die Musik. Ich vergessen, daß täglich mein Essen auf dem Tisch steht und ein warmes Bett zum schlafen jeden Abend geduldig auf mich wartet…

Vielleicht, so denke ich, lohnt es sich, das Sehen dieser Dinge wieder zu üben. Sie jeden Tag zu betrachten und dankbar für sie zu sein. Nicht, weil es den schwarzen Kindern auf der anderen Seite des Erdballs so schlecht geht und ich eine moralische Pflicht habe für mein Wohlergehen und mein Leben dankbar zu sein, sondern: weil ich mich dafür entschieden habe, mein Leben zu feiern und zu teilen. Vielleicht wächst meine Freude, wenn ich sie täglich ein wenig gieße …***

Glück ist immer, was wir gestern noch hatten oder wo wir morgen schon sein könnten.

Fortuna _ ⓒ Tadeus Kuntze 1727 - 1793_ Wikimedia

Fortuna _ ⓒ Tadeus Kuntze 1727 – 1793_ Wikimedia

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Quellen und Informationen:

* arte Bericht: http://www.youtube.com/watch?v=Z_5mE6ZttYY

* Titelbild_ Fortuna _ ⓒ Tadeus Kuntze 1727 – 1793_ Wikimedia

* http://de.wikipedia.org/wiki/Neuronen

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - writes about her work

4 Comments

  1. Vielleicht braucht der Mensch hin und wieder sein Unglück, um eben genau das zu erleben, was du gerade so hingebungsvoll beschreibst. Und dann ging mir noch durch den Kopf, dass seit geraumer Zeit sehr gut am Glück verdient wird, eine ganze Glücksindustrie und -medizin und -freizeitbranche und -philosophie … bereichert sich am Glück. Möglicherweise zu viel, so dass es vermehrt zu Gegenentwürfen herausfordert… ??

    • … ja, da triffst Du den Nagel absolut auf den Kopf. Diese Industrie ist mir auch zunehmend suspekt. Das Leben läßt sich sicher nicht „beschönigen“ und „begradigen“… genauso wenig wie es normal wäre dauernd auf „Super-Gut-Drauf“ zu sein… Trotz allem entsetzt es mich oft, wenn ich den Menschen hier in Deutschland auf der Straße ins Gesicht sehe… Sieht so ein gutes Leben aus, frage ich mich dann?

  2. Hallo Tanja! Schöne Worte hast Du hier fürs Unbeschreibliche gefunden! Zu unserem Zentrum des Denkens: Welch fragiles Ding! Ein paar Sekunden zuviel ohne Sauerstoff und der Mensch, der einmal war, ist nicht mehr. Pflege und Erhaltung des Körpers werden dann zum Thema – Körper mit Seele und Gefühlen, ohne Denken. Und zum Glück: Wir Leben in Zeiten des Glücks und bemerken es oft gar nicht mehr. Wie schade! Und doch hat jede Epoche, hat jeder Mensch sein Glück. Glück als Einstellungssache?! Liebe Grüße Franziska

    • Liebe Franziska… ja, genau das wollte ich sagen – es wäre schön, das Unsichtbare wieder sichtbar zu machen! lg t

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