Utopia 01

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ⓒ_ Tanja Maria Ernst

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13-07-2013

Utopia…

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…oder die harten Bänke der Spartaner…

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Vermutlich ist der Wunsch des Menschen, ein anderes, oder besseres Morgen zu erleben, so alt wie die Menschheit. Ich kann mir kaum vorstellen, was von einem Menschen bliebe, trennte man ihn langfristig von seinen Träumen und Wünschen.

Wie ich so schreibe und überlege, denke ich, ob das Wünschen wohl auch einen Menschen am Leben erhalten könne, ebenso, wie das Essen und Trinken?

Würde ein Gefangener jemals aufhören sich zu wünschen, seine Zelle verlassen zu können? Ich selbst war zum Glück nie in solch einer Situation, und auch J.R.R. Tolkien meines Wissens nicht. Trotz allem erzählt man sich über den Altmeister der Fantasy-Romane eine lustige Begebenheit. (Leider kann ich auch hier, wie bei so vielen Dingen, die ich irgendwann und irgendwo einmal gelesen habe, die verlässliche Quelle nicht wieder finden).  Der hochgeachtete Professor für Anglistik und englische Sprache war, der Geschichte zufolge, seiner eigenen Familie eine gewisse Zeit lang, ausgesprochen peinlich. Ungeachtet seines angesehenen Hochschulstatusses, beschäftigte es sich mit der Erschaffung einer Welt (und ihrer Sprachen), in denen es vor Geistern, Elfen und Trollen nur so wimmelte. Auf seine kuriose Leidenschaft hin angesprochen, soll er einmal gesagt haben, er könne nichts verwerfliches daran finden, wenn ein Gefangener sich wünsche die Zelle seiner Realität zu verlassen…

Ich weiß nicht mehr genau, wann die Idee aufkam, über Utopia zu schreiben, ich glaube einer der Kommentare der letzten Monate brachte mich darauf… Und obwohl der Wunsch, der hinter dem Begriff steht, vermutlich so alt ist, wie die Menschheit, hat es mich doch erstaunt zu erfahren, daß „Utopia“ tatsächlich eine Wortschöpfung des Engländers Thomas More selbst ist, der eben jenes Werk „Utopia“ schrieb und es 1516  publizierte. Wenn es Ihnen ergeht wie mir – ich hatte kein genaues Bild von More, außer dem, das den Zuschauern der „Tudors“ unterbreitet wurde – dann sei Ihnen Stephanie Dahns Podcast sehr ans Herz gelegt. Ihre Arbeit werde ich nächsten Donnerstag im Detail vorstellen.

Nach diesem Beitrag habe ich sehr lange über den Begriff Utopia nachgedacht. Und darüber, was er für mich denn nun bedeutet:

Utopia markiert für mich ein Versprechen.

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ⓒ_ Tanja Maria Ernst

Ich dachte an Platon und sein Höhlengleichnis, die harten Bänke und den Drill der Spartaner, ich dachte an die Romantiker und ihre „ideal-gebauten“ Landschaften. Ich dachte an den Jugendstil und das Bauhaus und auch an die größenwahnsinnigen Entwürfe für „Germania“. Auch an die Surrealisten mußte ich denken und an Joseph Beuys, einen der Begründer der Günenbewegung. Und letztlich auch an Rudolph Steiner, seine Schulen, seine Lehren und seinen Kunstbegriff.

Egal zu welcher Zeit, egal, in welcher Gesellschaft – ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Ich komme für mich immer wieder zu dem Ergebnis, daß Utopia nichts anderes ist als ein Versprechen, das sich die Gattung Mensch, Tag für Tag, immer wieder aufs Neue gibt.

Wir wissen um unseren freien Willen. Und Wort und Konzept „Utopia“ erinnern mich daran, daß ich in BEIDE Richtungen gehen kann, ins Licht, wie ins Dunkel. In diesen Tagen ist mir klar geworden, daß wir wohl nie vergessen sollten, daß das eigentliche Ideal dieses Konstruktes die Möglichkeit und das Versprechen sind. Ein Haschen nach einer zweiten Realität hinter der Realität. Die Jagd nach der unsichtbaren Katze, die, immer schon voraus, gerade eben, um die nächste Ecke verschwunden ist.

Wehe, wir halten Utopia in allen seinen gewünschten und gedachten Aspekten für Realität, die sich 1:1 im Hier und im Jetzt für uns umsetzen ließe.

Nicht umsonst ist das Zitat des österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper, von 1992, so bekannt, wenn auch die wenigsten heute noch den Vater dieses Gedankens beim Namen kennen:

„ Der Versuch den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle.“

(„Dieser Versuch führt zu Ignoranz, zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition“.)

(Und an dieser Stelle muß ich nicht nur an Albert Speer denken und auch noch einmal an Osho… sondern auch an viele, viele weitere, in Philosophie, wie Religion, wie Politik.)

Im Moment bin ich in Coburg und feiere mit über 200.000 Menschen das 22. internationale Sambafest in Europa: alle Künste sind für mich Utopia. Sie greifen mit ihrer gestalterischen Kraft, spielend durch die Wand unserer Alltagsrealität und lassen uns für einige wenige, kostbare Stunden fliegen.

Über dem Kopfende meines Hotelbettes ist folgendes Zitat zu lesen:

„ Dazu sind eben Wünsche und Träume dir verliehn, um alles, was dir fehlt, in deinen Kreis zu ziehn.“ – Friedrich Rückert

***

Veranstaltungshinweis:

Utopie beginnt im Kleinen – 12. Triennale der Kleinplastik Fellbach 2013

22.Juni bis 29. September 2013

http://www.triennale.de/aktuelles.php

***

Quellen und Informationen:

Der Vater der Hobbits und Flüchtling seines alltäglichen Gefängnisses:

http://de.wikipedia.org/wiki/J._R._R._Tolkien

Thomas Morus und seine ideale Insel:

http://de.wikipedia.org/wiki/Utopia_(Roman)

Platons Höhle:

http://de.wikipedia.org/wiki/Höhlengleichnis

die ideale Landschaft:

http://de.wikipedia.org/wiki/Heroische_Landschaft

Jugendstil – ein neues Lebensgefühl:

http://www.jugendstil.net/geschichte-des-jugendstils/

Bauhaus – der Zweck der Kunst:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus

Albert Speer und der Größenwahn:

http://www.welt.de/kultur/article1800032/So-monumental-sollte-Germania-werden.html

Joseph Beuys – Grüner der ersten Stunde:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-39868738.html

Rudolph Steiner – eine Welt ohne rechte Winkel: 

http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Steiner

Karl Popper und der Himmel auf Erden:

http://de.wikiquote.org/wiki/Karl_Popper

Sambafest Coburg:

http://www.samba-festival.de

Titelbild – ⓒ_ Tanja Maria Ernst

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - she writes about her work an inspirations.

10 Comments

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    • Kornelia Müller says

      Hallo Reinhard und Sabine,

      herzlichen Glückwunsch zur Mitwirkung an der Utopia01.

      Reinhard, selber Künstler mit dementsprechender Ausrichtung Eures Gartens, liegt voll auf der Linie.

      Liebe Grüße
      Kornelia

      • Liebe Kornelia, Dank Dir für Deinen Kommentar – hab Reinhard gleich mal nach seiner Kunst gefragt… ;-) lg t

    • Liebe Sabine, lieber Reinhard, die Ehre liegt ganz auf meiner Seite! Ich bin wirklich überrascht, wie sich die Dinge entwickeln. Was als Skizzenbuch gedacht war, wird vom Betrachter mehr und mehr als Kunst verstanden… nie hätte ich gedacht, daß ich eines Tages als Maler ins Lager der konzeptionellen wechseln könnte… ;-) Danke für Euer Mitwirken! Freu mich & herzliche Grüße Tanja

  3. Mir fallen zu der Vorstellung erträumter und gewünschter Realitäten die Begriffe Sehnsucht und Melancholie ein. Melancholie, wie in dem berühmten Werk von A. Dürer, zeigt den Menschen, wie er an der Realität leidet und den Blick, noch suchend nach einer neuen Realität, nach außen und in sich selbst wendet. Fühlt er in sich diese neue Realität – die Utopie – wächst die Sehnsucht danach. Die Utopie reift heran und wird konkret, bis der Entschluss gefasst wird, sich aufzumachen auf die Reise nach Utopia.

    • Liebe Sabine, lieber Reinhard, hatte euren Kommentar schon Freitag gelesen… und das Wochenende genutzt gedanklich die Melancholie zu verfolgen… Bin dabei noch einmal bei Lars von Trier gelandet… ein schräger Typ, dennoch ein unglaublicher Film… wenn ich auch den Auftritt seiner Frau in Cannes so verstanden habe, daß er sich von seinem Werk distanziert hatte… Fest steht für mich, die Melancholie hängt ganz sicher mit der Utopie zusammen… leider hat ersterer in unserer Gesellschaft von Machern, steigendem Wachstum und medien-optimierten Erfolgen wenig Platz… Ich glaube, wir sollten der Melancholie das nächste Thema widmen! Dank Euch & herzliche Grüße in Euer persönliches Paradies. lg t

      http://www.melancholiathemovie.com

      • Liebe Tanja, meine Schwester hat einen sehr euphorischen Kommentar bezüglich meiner „Kunst“ abgegeben. Ich hatte während des Designstudiums plastisches Gestalten und Naturstudien-Zeichnungen belegt.
        Da ich diese schöne Beschäftigung nicht zum Broterwerb betreiben kann und möchte und die Kreativität in der Designpraxis starken Zwängen unterworfen ist, habe ich die Vorstellung diese Dinge im Ruhestand wieder aufzugreifen. Aktuell ist für derartige Beschäftigung keine Zeit. Es sei denn der Garten, und hier fand ich in der Liebermann-Villa ein schönes Zitat, welches ich auch in unserem Blog unter Wir zitiert habe, wird als Kunst akzeptiert.
        “Denn Raumkunst ist Gartenkunst wie jeder andere Zweig
        der bildenden Kunst, und Haus und Garten schließen sich
        zu einem Gebilde zusammen.”
        Alfred Lichtwark 1906
        Hier fließen meine architektonischen Kenntnisse von Perspektive und Raumgliederung zusammen mit der jahreszeitlichen farblichen Entwicklung, die Sabine im Focus hat.

        Kunst bei uns im Hause: Wir haben auf einem Syltbesuch einen Abstecher nach Seebüll, dem Anwesen von Emil Nolde gemacht und uns mit einigen Ausstellungspostern ausgestattet. Weiter haben wir als Sauerländer das Museum von Emil Schumacher in Hagen besucht und einen Druck erworben. Von einer Japanreise habe ich noch klassische japanische Holzschnitte von Hokusai .
        Weiter hat Sabine mitgebracht Ton Schulten, den Sauerländer Macke und Matisse.

        Liebe Grüße Reinhard

      • Lieber Reinhard, die Gartenkunst ist mir nach wie vor eine der liebsten Künste! Und sicher nicht die kleinste unter ihresgleichen… Der Abstecher nach Seebüll steht auch schon sehr lange auf meiner Wunschliste… dieses Jahr wird es allerdings wohl nichts mehr werden… Gärten und die Natur… in ihr finden wir irgendwie immer Heilung und ohne diese ist ja auch jede andere Form von Kunst nicht denkbar… wie schön lg t

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