Utopia 02 – vorgedacht…

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Titelholzschnitt aus Thomas Morus Roman Utopia _ ⓒ Wikimedia

Titelholzschnitt aus Thomas Morus Roman Utopia _ ⓒ Wikimedia

13-07-2013

Die Hoffnung auf ein „besseres“ oder wenigstens ein „anderes“ Morgen…

***

…einer der Kommentare der letzten Wochen hat den Ausschlag gegeben für das neue Thema. Vielen Dank also nochmal an Euch

denn hier scheint tatsächlich eine lustige Form der Zusammenarbeit zu entstehen…

Manch einem von Euch wird es ergehen, wie es mir erging. Utopia ist ein Begriff, den man schnell im Alltag auf der Zunge führt, aber was es ganz genau damit auf sich hat, das war mir nicht bekannt. Also, der erste Besuch in einem solchen Fall, Ihr wißt es längst, gilt wie immer Wikipedia. Da war dann die Rede von Thomas Morus, als Engländer auch unter Thomas More bekannt. Ich weiß nicht, wer von Euch/Ihnen auch die vollblütigen Tudors auf der Mattscheibe seines Fernsehers bewundert hat. Seit dieser Zeit hatte ich immerhin eine Vorstellung davon, in welche Epoche der Mann gehört und daß er sicher keine leichte Zeit hatte, mit seinem Souverän, Heinrich dem VIII. von England…

Ich liebe es, muß ich ganz offen gestehen, an einem solchen Nullpunkt, die Reise ins Netz anzutreten und zu schauen, wohin mich die Wogen der Dateninformationen wohl spülen mögen. An welchen Gestanden, welcher Internetpräsenzen, ich wohl spazieren gehe und welche spannenden Menschen, mit interessanten Berufen, Steckenpferden und Leidenschaften, mir begegnen mögen. Betrete ich das Netz, fühle ich mich augenblicklich, wie Alice im Wunderland, wie in einer Welt hinter den Spiegeln…

So bin ich auf meiner Suche nach Utopia und Thomas More bei Stephanie Dahn gelandet. Studentin der Philosophie und Germanistik, mit bezaubernder Stimme und einem unglaublich gut gemachten Podcast über Thomas More und seine Insel Utopia.

Sie stellt in ihrem Mitschnitt das Werk Mores, zusammen mit Stefan Thesing von „Spioler Alert“, im lockeren Gespräch vor und ich kann jedem nur raten, einmal hineinzuhören. Spannend, was hier über Morus und sein Werk berichtet wird. Ich konnte mir ein lebhaftes Bild machen, von der Zeit, in der More sein Werk geschrieben hat und auch ein Bild von den Umständen, die wohl zu dieser Arbeit geführt haben mögen. England unterliegt in dieser Zeit größten politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen. Kriege werden geführt in Europa, Englands besondere Lage als Inselstaat ist ein zentrales Thema und die Religion wird zum Zankapfel in Zentarleuropa. Als der Papst in Rom sich weigert die erste Ehe Heinrichs des VIII., wegen Kinderlosigkeit, zu annullieren, beginnt der Monarch sich vom katholischen Glauben abzuwenden und gründet, immer mit Blick auf das Treiben der Lutheraner auf dem Festland, seine eigene, anglikanische, Kirche.

Sir Thomas More von Hans Holbein dem Jüngeren, 1527, ⓒ_ Wikimedia

Sir Thomas More von Hans Holbein dem Jüngeren, 1527, ⓒ_ Wikimedia

In all diesem Treiben setzt sich More mit der Frage auseinander, wie der ideale Staat, in diesem Fall, Inselstaat, auszusehen habe.

Kein Thema des alltäglichen Lebens bleibt unberührt von seinen Überlegungen. Die Wirtschaft, der Handel, die Krankenversorgung, die hygienischen Zustände, Politik und Kriegsführung, selbst Ehe, Familiengründung und Religion, werden diskutiert. Dies alles ist Teil seiner Überlegungen, in einem erdachten Dialog, den Stephanie Dahn, in drei sehr unterhaltsamen Stunden, ihren Hörern näher bringt.

Sie selbst schreibt folgendes über Ihr Projekt:

„Brauchen wir Utopien?

Für mich ist das eine sehr spannende Frage und offenbar nicht nur für mich. Wenn man ein wenig in die Geschichte des Denkens schaut, dann findet man eben jenen Gedanken sehr oft. Wir brauchen ganz offenbar Ideen die das Potenzial haben, unsere Welt zu verändern.

Schon in der frühen Vorstellungswelt finden sich Ansätze für ein utopisches Denken. Mythen und Religionen speisen sich oft aus Erzählungen über ein Goldenes Zeitalter. Auch religiös motivierte Paradiesvorstellungen widmen sich einer Zeit und einem Ort, an dem das Leben besser war oder besser sein wird.

Es ist ein wenig sonderbar, dass es den Gedanken schon so sehr lange vor einer Bezeichnung für diese Konzepte gab. Der Begriff Utopie kommt erst im 16. Jahrhundert mit Thomas Morus zu uns. Morus verbindet die Vorstellung von einem Paradies mit der Idee eines gerechten Staates und schafft für diese Überlegung ein neues Wort: Utopia. Utopia ist ein Kunstwort, in dem zum einen u-topos (unmöglicher Ort, Nicht-Ort) und zum anderen eu-topos (guter Ort) grundlegende Elemente sind.

Wünschenswerte Nicht-Orte

Gerade diese Ambivalenz, die schon in dem Wort Utopia angelegt ist, macht die Beschäftigung mit utopischen Vorstellungen spannend. Warum sollte man sich mit einem Ort beschäftigen, der zwar gut aber nicht möglich ist? Weil uns diese Vorstellungen sehr viel über unsere Orte und über unsere Zeit sagen können. Der Wunsch nach einem guten Leben und nach einem guten Ort macht sehr deutlich, warum das derzeitige Leben und der aktuelle Ort nicht gut sind.

Diese Möglichkeit, die eigene Situation reflektieren zu können, öffnet Räume und ermöglicht es, dem wünschenswerten Nicht-Ort ein Stück näher zu kommen.

Der Podcast

Utopia ist ein Podcastexperiment mit der Idee, Utopien von der Antike bis in die Zukunft darzustellen. Die Quellen bewegen sich dazu zwischen Mythos, tatsächlicher literarischer Utopie und Science-Fiction-Roman. Also, eine wilde Mischung.

Ich habe mir für die Umsetzung dieser Idee Unterstützung von Stefan vom Spoiler Alert geholt.

Wer steckt dahinter?

Hinter, vor und neben Utopia stehe ich, Steffi. Ich beschäftige mich nicht nur mit Philosophie sondern setze mich auch mit politischer Bildungsarbeit auseinander. Nebenbei absolviere ich die letzten Prüfungen meines Studiums. Außerdem bin ich verrückt genug, mit meinem Vorgedacht Podcast – http://utopia.vorgedacht.net – die Geschichte der Philosophie (also die Geschichte unseres Denkens) nachzeichnen zu wollen.“

***

Quellen und Informationen:

Stephanie Dahn und Utopia:

http://utopia.vorgedacht.net

Interviewpartner Stefan Thesing und Spoiler Alert:

http://spoileralert.bildungsangst.de/about/

Thomas Morus und seine ideale Insel:

http://de.wikipedia.org/wiki/Utopia_(Roman)

Wikimedia / Lizenz:

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - writes about her work

5 Comments

  1. Hallo Tanja! Na dann weißt Du ja, was ich heute zum Einschlafen höre. Danke für den Tipp! Ich habe mal ein ganzes Seminar zum Thema Utopie in der Neueren Geschichte besucht. Ein ganzes Semester lang – nicht in bester Erinnerung. Doch der Fluss ist immer ein anderer und ein Podi die beste Gelegenheit für einen ‚Neuanfang’… ;) Liebe Grüße Franziska

    • Liebe Franziska, da dachte ich, das Werk kennst Du längst in- und auswendig! In jedem Fall lohnt sich die Bearbeitung von Stephanie, jede Minute! … Wenn du nach einem ganzem Semester noch andere Anstöße hast… jederzeit gern! Schöne Woche & herzl. Grüße Tanja

  2. Utopien hat es immer gegeben, schon alleine eswegen, da sie lange Zeit die einzige Form darstellten, mit der man es wagen konnte, Missstände anzuprangern. Die Utopie ist eine Gesellschaftskritik in Zeiten der Zensur. Viele Utopien finde ich persönlich relativ langweilig, nicht so jedoch die von Thomas More. Ich kann jedem nur empfehlen sie zu lesen, und er wird sich wundern, wie dort heute noch aktuelle Themen wie z.B. Sterbehilfe angesprochen werden.
    Mit lieben Grüßen von der sonnigen Küste Norfolks
    Klausbernd

    • Ja, über die Brisanz und Aktualität mancher Themen konnte ich nur staunen… Herzliche Grüße nach England, Garten und Brotrezept machen neugierig auf mehr! Dir eine schöne sonnige Woche – lg t

  3. Pingback: Utopia 02 – vorgedacht… | Garten - Träume und Räume

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