… was ist Kunst * … what is art ?

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Argus Stencil _ street art _ „is this art“ _ ⓒ Argus Stencil

27.03.2014

 

Während meiner Spaziergänge im Netz und auf wordpress bin ich letzte Woche bei Argus Stencil gelandet. Er lebt und arbeitet in Bergen/Norwegen und ist als Street Art Künstler tätig.

Ich finde seine Arbeiten ganz großartig und habe ihn gebeten, passend zu seiner oben gezeigten Arbeit ein paar Worte zum Thema Kunst zu schreiben.

Mitglieder des Street Art Projektes in Bergen vertreten die Ansicht, daß die Kunst zu den Menschen gebracht werden sollte und nicht die Menschen zur Kunst. Der Gedanke hat mir gefallen  – und da ich mich selbst im Moment mit Techniken auseinandersetze, die so mancher als komplett überaltert betrachten wird, möchte ich heute einfach die Frage an Euch weiterreichen…

 

Was ist Kunst für Euch?

 

Wofür ist sie gut und was sollte Sie Eurer Meinung nach leisten? Oder ist sie ein überalterter Luxus, den wir in Zeiten von Hungersnöten und Überbevölkerung getrost über Bord kippen sollten… Ich bin gespannt auf Eure Beiträge! Doch bevor ich Euch ein schönes Wochenende wünsche, möchte ich noch Argus selbst zu Wort kommen lassen:

 

„Wenn ich auf die Straße gehe, um zu arbeiten, dann dreht sich für mich alles um Kommunikation. Um Kommunikation mit Menschen. Dort wo sie sich gerade befinden, in möglichst großer Zahl. So gesehen ist Straßenkunst einfach eine Kunstform für die Öffentlichkeit, für jedermann. Was sie aber meiner Meinung nach von der übrigen Kunst im öffentlichen Raum unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie mit der Umgebung interagiert und die Straße in die künstlerische Arbeit einbezieht. Und so beides verändert, Kunst und Umgebung.  Die besten Werke der Street-Art scheinen ganz natürlich in ihrem Umfeld verankert zu sein. Entweder sitzt oder steht das dargestellte Objekt scheinbar direkt auf dem Boden, balanciert auf einem Felsvorsprung, oder es hängt von einem Fensterbrett… Die Mauer ist nicht einfach ein Ersatz für die Leinwand , sondern vielmehr Teil der Szenerie. Die Straße wird zur Bühne für die Kunst.

Der zweite – für mich sehr wichtige Aspekt dieser Kunstform, ist die unbewusste Enthüllung. Passanten brauchen die Werke nicht zu aufzusuchen, die Street-Art „erscheint“ einfach direkt vor ihnen. So kommunizieren wir mit Menschen, die im Bezug auf das Lesen oder Interpretieren von Kunst, oft über keine besonderen Fähigkeiten verfügen. Daher ist unsere Kunst nicht zu anspruchsvoll oder zu schwer zu fassen, und sie versteckt sich auch nicht hinter einer Art von Exklusivität, die behauptet, dass Kunst nur für eine auserwählte Elite sei, die allein in der Lage ist, sie zu verstehen und daher auch zu schätzen. Irgendwie sollten wir mit Street Art ein möglichst breites Publikum erreichen. So muß sie zugänglich sein – was aber nicht bedeutet, dass sie einfach oder banal zu sein hat. Wir erwarten nicht  dass Menschen auf der Straße für die Betrachtung mehr als ein paar Sekunden aufwenden. Durch unsere Arbeit versuchen wir ihre Aufmerksamkeit einzufangen und was der Künstler zu sagen hat, muß innerhalb dieser ganz kurzen Zeitspanne gesagt werden.  So wie ich es sehe, sollte Street Art danach streben, das Nachdenken anzuregen, Reibung zu erzeugen, vielleicht ein Lächeln hervorzurufen und hoffentlich die Menschen insgesamt auf Kunst einzustimmen ….“ – Argus Stencil, 2014 – Danke!

 

http://argusgate.wordpress.com

 

(Der englische Originaltext stammt von Argus – ich habe mich bemüht seine Gedanken so getreu wie möglich wiederzugeben…)

 

– – –

 

During my walks in the world wide web and on wordpress, last week, I ended up with Argus Stencil’s blog . He lives and works in Bergen / Norway and works  as a street artist .

I love his work and asked him  to write a few words about his work on the subject of art, consistent with the work shown above.

Members of the street art project in Bergen argue that art should be brought to people and not  people to the arts. I like this idea very much – and as I am struggling with techniques that some of you may regard as completely outdated , I just wanted to pass the question on to you …

 

What means art to you?

 

What do you need arts for and what can it achieve in your opinion ? Or is art an overaged luxury we should confidently throw overboard in times of famine and overpopulation … I look forward to your contributions! But before I wish you a nice weekend , I would like to hand over to Argus Stencil himself:

 

„For me doing street art is all about communicating. And it’s about communicating with people where they are and to the greatest number. Still in this respect street art is just public art. What separates street art from the rest of the public art field the way I see it, is that is plays on the surroundings, incorporate the context of the street into the work of art and thus changes both. The best street art is anchored naturally within the surroundings – either the portrayed element is sitting or standing on the ground, balancing on a ledge, hanging from a window sill, etc. So the wall is not just a substitute for a canvass but rather part of the scene for the image. The street is the stage where the street art is played out.

The second most important aspect of street art is the involuntary exposure. People don’t need to seek out street art it just pops up right in front of them. So you have to communicate with people with no specific skills in reading or interpreting art. Therefor one cannot make the art to demanding or hard to grasp and one cannot hide behind some kind of exclusivity stating that art is only for the selected few who understand it and therefor are able to appreciate it. Somehow street art has to reach out to a broad range of people. It has to be accessible – which is not to say that is has to be simple or banal – but you just cannot expect people to spend more than say a few seconds looking at it. You need for it to grab their attention and you need for it to be able to communicate whatever you want to communicate in that short glimpse of an attention span. The way I see it street art should strive to spur reflection, create some friction, perhaps a smile and hopefully help attune people towards art in general…“ – Argus Stencil, 2014 – Thanks!

 

http://argusgate.wordpress.com

 

(The original English text comes from Argus – I tried to translate his thoughts as closely as possible …)

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - writes about her work

8 Comments

  1. Mit der Kunst ist es wie mit der Sonne. Sie scheint nicht damit die Blumen blühen, aber sie Blumen blühen, weil die Sonne scheint. Der Spruch ist nicht von mir, aber alle anderen Definitionen sind einen Nacht Diskussion.

  2. Ich habe diese Frage hier in meinem Posteingang „gefühlt“ jetzt schon lane als unbeantwortet liegen und täglich auf eine Eingebung gewartet. Ein schnelles Nachschlagen bei Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Kunst hat mich auch nicht unbedingt weiter gebracht. Aber zum Thema:
    >Mitglieder des Street Art Projektes in Bergen vertreten die Ansicht, daß die Kunst zu den >Menschen gebracht werden sollte und nicht die Menschen zur Kunst…
    möchte ich was beitragen, ein Thema, welches mich sehr interessiert.
    Nebenbei, nicht nur die bildende Kunst (nach deutschem Sprachgebrauch, also die abbildende Kunst), sondern auch Theater usw. sollten mehr zum Publikum gebracht werden. So hat ein Freund von uns kürzlich seine Autowerkstatt für ein Wochenende ausgeräumt, einen Schauspieler geholt und ein Theaterstück, das in einer Autowerkstatt spielt, aufführen lassen und seine Kunden dazu eingeladen. Es war ein Erfolg, die Zeitungen berichteten darüber und einige der Zuschauer haben vermutlich seit der Märchenaufführung in der Schule ihren ersten Theaterabend erlebt. Ein Beispiel aus der (abbildenten) Kunst. Mein Freund Reinhard musste einen Baum fällen lassen. Von der dicken Fichte blieb ein 2,5 Meter hohes Stück Stamm stehen, daraus hat ein Holzbildhauer in den letzten Wochen eine Figur gemacht, die gestern Nachmittag fertig wurde.

    • Lieber Karlheinz, dank Dir sehr herzlich für Deinen Beitrag! Ich mag Deine Geschichten darüber, wie die Kunst das Leben kreuzt und das Leben die Kunst… ;-)
      Vielleicht mache ich irgendwann Kunst mit Bienenstöcken, oder für Bienen… :-) Die Idee gefällt mir schon lange… aber jedes Projekt braucht seine Zeit… ;-) Danke & herzliche Grüße in die schönen Berge! Tanja

  3. dazu faellt mir gerade dieses bild ein, ueber das ich kuerzlich gestoplert bin: http://www.pinterest.com/pin/92534967316060303/

    ausserdem mag ich Herakut, von denen ich schon einiges genauer betrachtet habe.
    http://irisnebel.wordpress.com/category/kunst-der-gegenwart/herakut/

    aber ich halte diese art von kunst nicht fuer die einzige zeitgemaesse art der kommunikation mit kuenstlerischen mitteln.
    solange es unterschiedlich ausgerichtete menschen gibt (der eine lebt eher von akustischen, der andere von haptischen, der naechste von technischen, verbalen oder eben optischen reizen usw.), solange wird es auch diverse formen von kunst geben. alle mit ihrer spezifischen handwerklichen leistung. und ich bin nicht Abramovitchs meinung, dass kunst kuenftig nur noch durch und in gedanken entstehen wird und nicht mehr materiell manifestiert. ich will „sehen und anfassen“, mit allen sinnen erleben.

    • Liebe Iris, Dir ganz herzlichen Dank für Deinen Beitrag!
      Ich bin ganz Deiner Meinung: die Vielfalt in der Kunst und ihren technischen und inhaltlichen Ausdrucksweisen wird sich nie verlieren. Genau in dieser besteht vielleicht gerade heute ihr Reiz…
      Danke auch für Deinen link. Spannend – nicht nur das Galeristen-Duo, sondern auch das Interview mit dem Street-Art Duo. Ich mußte sehr schmunzeln. Von den beiden hatte ich schon vor Jahren einen Kunstband verschenkt. Ich finde auch – sehr cool in Optik, Ausdruck und Auftritt. Dir frohes Schaffen & liebe Grüße Tanja

      • hallo Tanja, hallo progero,

        stimmt…
        in bauhaus-zeiten hiess es noch Kunst+handwerk und dann kunst+technik = eine neue einheit. dann muessten wir fuer unsere zeit formulieren: kunst + leben (kunst + strasse = eine neue einheit).

        ich mag auch die tendenz, dass kuenstler auf ausstellungsstuecke in voelkerkunde- u.a. museen reagieren und dass beides dann haeufig nebeneinander ausgestellt wird. aehnliches gilt bei mir fuer die sichtbarmachung eines kuenstlerischen prozesses. es ist spannend zu sehen, wie ein werk entsteht, wie es waechst, verworfen wird und aus sich heraus in etwas ungeplant anderes entwickelt.

        lg
        Irisnebel

      • Liebe Iris, Dank Dir für Deinen tollen Beitrag! Wir hatten ein solches Projekt hier bei uns vor ein paar Jahren im Kunstwürfel und ich kann mich erinnern, daß die „Fachwelt“ nicht begeistert reagiert hat, was ich sehr schade fand. Ich mag solche Projekte genauso wie Du.
        Ich finde oft mehr Inspiration in einer Teppichgalerie als auf einer Kunstmesse :-) Ebenso finde ich diese krasse Abgrenzung zwischen „frei“ und „angewandt“, die im Moment unsere Epoche prägt absolut albern. Wie Du schon berichtet hast, gab es da auch ganz andere Zeiten… und ich bin gespannt, ob eine solche Epoche nicht wieder anbrechen wird. Durch die Biowelle erhält die tägliche Arbeit der Hände und auch die Handarbeit wieder einen ganz neuen Stellenwert. Und der Sachwert und der Wert einen Prozesses damit ebenso. Ich bin gespannt, welche Auswirkungen Bio und slowfood auf lange Sicht auch im Kunstbereich haben wird. Ich weiß, eine verwegen Vermutung – lassen wir uns überraschen! :-) lg t

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