Die Welt trägt Größe 39 – the wolrd wears show size 39

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Ausstellungen - exhibitions / Film - film - video / Künstler - artists / Kunstgeschichte - history of art
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© Subodh Gupta, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt

15-09-2014

english version – see below

 

Die Welt trägt Schuhgröße 39 …

 

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Subodh Gupta im MMK Frankfurt 12.09. 2014 – 18.01. 2015

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Am Freitag und Samstag war ich zur Saisoneröffnung der Galerien in Frankfurt. Ein schöner lauer Abend, den Mantel konnte man getrost über den Arm werfen, um zwischen den erleuchteten Schaufenstern flanieren zu gehen… Alle Galerien sind zum Beginn der Herbstsaison und des neuen Messejahres wieder auf Start und präsentieren sich kraftvoll und optimistisch. Parallel zu meinen Terminen versuche ich bei jedem meiner Besuche in Frankfurt einen Museumsbesuch einzuplanen – dieses Mal stand Subodh Gupta auf dem Programm – einer der großen zeitgenössischen Inder, der neben Bharti Kehr und Anish Kapoor einer der hierzulande bekanntesten indischen bzw. indisch-stämmigen Künstler sein dürfte. Eine der ersten Werkabbildungen, die mir hier in der deutschen Berichterstattung ins Auge gefallen war, zeigte eines seiner Fahrräder aus Messing, an dem die traditionellen Henkelkannen baumeln, in denen ein indischer Berufszweig, die Dabawallas, jeden Mittag für tausende von Arbeitern, das zu Hause zubereitete Essen in die Büros liefern.

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Gleich in der Eingangshalle trifft man auf ein weiteres von Guptas Markenzeichen: einen Berg von Haushaltsgeschirr aus Zink, verbeult, gebraucht, verworfen. Dazwischen einzelne Haushaltshähne aus denen Wasser strömt. Überhaupt ist nahezu jede der Installationen in dieser Ausstellung raumgreifend: der Totenschädel aus Blechgeschirr im Treppenaufgang, das indische Verwaltungsbüro mit angeketteten Stühlen, der traditionelle Fußboden aus Lehm und Kuhdung, das schwebende Boot im hintersten Raum mit Ventilatoren und Alltagsgeschirr, ebenso, wie die Installation „school“, bestehend aus unzähligen identischen Holzhockern und Eßgeschirren, die schon in ihrem Titel ganz direkt auf die europäische Tradition des „ready made“ anspielt. Marcel Duchamp trifft indischen Alltag In zwei Räumen Videoarbeiten, die einmal den Künstler mit Kuhdung unter der Dusche zeigen und einmal eine Fahrt mit schwankender Kameraführung – Details einer Zugfahrt und eines Ganges nach Hause. Ich habe die Ausstellung Freitag und Samstag besucht – und was beim ersten Besuch noch den Anflug eines atmosphärischen Erlebens aufwies, verpuffte am Samstag vollständig im Nichts – und zwar im zweiten Stock, als ich vor einer Arbeit von Ai Weiwei stand. Man kann mir nun kritisch entgegenhalten, daß ich eben ein Maler bin (manche mögen vermutlich sogar dies in Frage stellen…) und weder von Skulptur noch von Rauminstallation genügend verstehe, noch in der gleichen Liga spiele. Mit welchem Recht also könnte ich einen kritischen Ton anschlagen?  Und doch hatte ich ein ganz merkwürdiges Gefühl.  Dies beschlich mich zunächst ganz leise im Erdgeschoß, vor einer monumentalen Vase aus Ton. Später drängte es sich förmlich auf, im ersten Stock vor jener Installation von Ai Weiwei : „Ghost Gu coming down the mountain“. Eine Aufstellung identisch-traditioneller Porzellanvasen, die alle das gleiche Motiv aus der chinesischen Mythen- und Sagenwelt zeigen. Steht man vor dem Werk, scheint die Aufstellung Reihen zu bilden, in jeder rückt das Motiv etwas weiter vom Betrachter weg, sodass schließlich, in der letzten Reihe, die rein weiße Rückseite der Vase sichtbar wird. Die Andeutungen einer Bewegung entsteht. Ein Kommen oder Verschwinden, wie schon im Titel genannt, je nachdem, in welche Richtung der Betrachter seinen Blick wandern läßt. Am Freitag bin ich noch ganz zufrieden mit mir und meiner Weltsicht im Bezug auf diesen Museumsbesuch – bin froh einen der „großen indischen Zeitgenossen“ life gesehen zu haben. Unabhängig vom „Gefallen“, kann ich in jeder besuchten Ausstellung etwas Wichtiges für meinen Job lernen. Wenn ich schon nicht von „Gefallen“ sprechen kann, so kann ich doch in jedem Fall großen Respekt empfinden,  für die Professionalität einer erbrachten Leistung, für das Durchhaltevermögen und die Stringenz eines Prozesses oder für die Atmosphäre einer Arbeit.

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Doch am Samstag will mir dies nicht recht gelingen: in Raum 10 steht eine Tonamphore auf einem monumentalen Betonsockel, der mit Henkeln versehen ist – und wie ich dort so stehe, in diesem dreieckigen Raum, der, innerhalb dieser gewagten Architektur beinahe etwas sakrales hat – (ich fühle mich seltsam nach Cumae versetzt, in die Grotte der Sybille), stelle ich mir plötzlich vor, die Skulptur meines Kollegen, stünde genau hier, an dieser Stelle. Die Skulptur, die zeitgleich in der Galerie Lorenz drei Straßen weiter zu bewundern ist und die in den Galerieräumen, direkt neben der Eingangstür eine wirklich gute Figur macht. Ganz ohne Zweifel. Und ich stelle weiterhin  fest, so beim Stehen und Betrachten – hier würde sie nicht funktionieren, diese Skulptur. Ganz und überhaupt nicht. Und plötzlich drängt sich der Gedanke auf, wie fordernd überhaupt dieser Raum ist. Wie die Räume, die Architektur, dem Künstler oder Kurator, die dramatische Form geradezu aufzwingen. Kunstwerke werden heute in Häusern ausgestellt, mit denen sich Architekten schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzen. ( Ich erinnere mich an eine Auszug aus den Memoiren Peggy Guggeheims, in dem sie das damals neu erbaute Guggenheim Museum von Frank Lloyd Wright als überdimensionale Garage beschimpfte. Im gigantischen Treppenhaus mußte sie erleben, wie die Arbeiten der Sammlung ihres Onkels, hauptsächlich Gemälde – wie Briefmarken auf überdimensionalen Wänden, im Nichts verschwanden). Und die einzige Kunst, die scheinbar in diesen Räumen funktioniert, hat einen blockbusterhaften medienwirksamen Charakter. Geradeso, als würde man in einem Monumentalfilm aus der Traumfabrik Hollywoods sitzen. Die Kunst als formale Geste? Im Geiste sehe ich einige indische Schauspieler, die mangelndes tänzerisches Können mit monumentaler Körpersprache ausgleichen. Vielleicht ein seltsamer Vergleich, aber er drängt sich im Kontext dieser Ausstellung geradezu auf… Als ich mich dann in die oberen Stockwerke vorgearbeitet habe, an Beuys und Warhol vorbei, bis hin zu Ai Wiewei, stellt sich die vollständige Ernüchterung ein. Unabhängig davon, ob ich die dramatische Geschichte des regimekritsischen chinesischen Künstlers für bare Münze nehmen, oder aber für kluges Kalkül – stelle ich einfach ernüchtert fest, daß die Formsprache eines Ai Weiwei und eines Gupta für mich vollständig identisch ist. Gleichgültig ob der Künstler aus Indien oder aus China kommt.  Wie gern bin ich immer im Netz spazieren gegangen, um mir Arbeiten von Künstlern aus anderen Ländern anzusehen, vor allem wenn die Ausdrucksformen landestypischer Kunst,  im modernen Werk immer noch durchschienen.  Was uns der inzwischen weltumspannende Kunstmarkt hier zunehmend beschert, ist ein formaler Einheitsbrei, der sich weltweit in formal gleichen Räumen zeigen und präsentieren läßt. Für mich ist es eine Formsprache, die sich, unabhängig von den landestypisch verwendeten Artefakten, immer mehr in eine Art internationales, medial verwertbares, Fastfood verwandelt. Und ich frage mich etwas beklommen, ob wir denn irgendwann soweit sein werden, daß eine internationale Architektur immer öfter eine international normierte Kunst nach sich ziehen wird: Die ganze Welt trägt Schuhgröße 39 – welch grausamer Gedanke.

 

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Quellen und Informationen:

das MMK in Frankfurt: http://www.mmk-frankfurt.de/de/home/

zeitgenössische indische Kunst: http://www.art-magazin.de/kunst/21449/kunstszene_indien_mumbai_und_neu_delhi

Subodh Gupta: http://indicreative.com/exceptional-everyday-art-by-subodh-gupta/858/

Anish Kapoor: http://www.art-magazin.de/kunst/61898/anish_kapoor_interview

Peggy Guggenheim : http://www.zeit.de/1980/47/ein-kopf-zum-hineinschauen

 




 

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© Subodh Gupta, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt

 

 

The world wears shoe size 39 …

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Subodh Gupta at MMK Frankfurt 12:09. 2014 – 18:01. 2015 

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On Friday and Saturday I stayed in Frankfurt. The start of the gallery season. A nice mild evening, I went strolling between the lighted shop windows … All galleries celebrate the new upcoming season in autumn – the next buisness year lies ahead and with it new exhibitions and trade-fair participations .  Parallel to the visit of the galleries, each time I stay in Frankfurt, I try to visit one muesum exhibition at least. This time there was Subodh Gupta on my program – one of the important contemporary indian artists. As well as Bharti Kehr and Anish Kapoor. Which I think are best known – here in Germany – amongst the contemporary indian artists. One of the first works of his, I saw here in the German press, was one of his typical bikes made ​​of brass, from which the traditional cans are dangling. These cans are used in India by a special profession, to transport homemade food to the offices downtown. 

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Right in the entrance hall of the exhibition you will encounter another of Gupta’s trademarks: a mountain of household dishes made ​​of zinc, dented, used, discarded. In between isolated household faucets from which water flows. Just about each of the installations in this exhibition fills an entire room: the skull made of metal pots and pans above the staircase, the Indian administrative office with chained chairs, the traditional floor made of mud and cow dung, the floating boat in the back room with fans and everyday dishes, as well as the installation „school „, consisting of countless identical wooden stools and eating utensils, already in its title quite directly reffering to the European tradition of „ready mades „. Marcel Duchamp meets everyday Indian life …  In two rooms you can find video works, one shows the artist covered with cow dung, taking a shower. The second work features a walk with wavering camera work – details of a train ride and a way home.  I visited the exhibition on Friday and Saturday – and what seemed to be an atmospheric experience first, dissolved into nothingness on Saturday. – Just that very moment, when I reached the second floor of the permanent exhibition, in front of a work by Ai Weiwei. Someone will no doubt tell me, that myself as a painter (some might probably even question this …) am neither abel to understand sculpture nor room installation properly enough to cast a critical eye on such works: and yet suddenly something felt horribly wrong. 

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First there was this feeling approaching slightly on the ground floor, in front of a monumental vase of clay in a small central space. And then, as already indicated, on the first floor before an installation of Ai Weiwei –  titeled, „Ghost Gu coming down the mountain“. An array of identical traditional porcelain vases, which all showed the same motif (presumably Chinese folk art). Standing in front of this work, the array seems to form lines. And in each line the motif of the vase moves a little further from the observers eye. So that the pure white back of the vase becomes more and more visible. An approach or a disappearance, the slight illusion of movement, as already referred to in the title, depending on the viewing direction.  On Friday, I was still quite pleased with myself and my view of life in this museum – and was merely glad to have taken the opportunity to see one of the „great Indian contemporaries“. I am still of the opinion, regardless of likes or dislikes, that I learned a lot in each show I attended. Even if one can not speak of viewing pleasure, you can still feel a deep respect for the professionalism of the performance, for the perseverance and the stringency of a process and for the vibrancy of an effort. 

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But on Saturday I did not succeed in this: in room 10 there was an amphora on a monumental concrete base. And as I was standing there, in this triangular space, this daring architecture has something almost sacred – (this took me straight back to Cumae, in the Sybil’s Cave), suddenly, the sculpture of a colleague of mine, came to my mind. And I suddenly felt an incontrovertible truth, that his work would not do here, at this very spot. Although the very same sculpture, did very well at the same time in the gallery Lorenz three streets away. Directly next to the front door it made a really good figure in the gallery space. Without any doubt.  And suddenly I realised, how demanding this space, this whole architecture was. It seemed to me, that this structural shape nearly forced an impressiv or dramatic gesture upon the artist or curator. Artworks are now on display in houses, by means of which architects establish a memorial of their own. (I remember an excerpt from the memoirs of Peggy Guggenheim in which she insulted the then newly-built Guggenheim Museum by Frank Lloyd Wright as an oversized garage in whose gigantic staircase she had to experience that the works of her uncle’s collection, mainly paintings – disappeared just like stamps on an oversized wall ). And the only art that seems to work in these areas, has a blockbuster like character, suitable for media. Just as if one would sit in a monumental film in the dream factories of Hollywood. Art as a formal gesture? In my mind I saw some Indian actors who compensate lack of dance skills with a monumental body language. Perhaps a strange comparison, but the thought simply sprang to my mind in this setting…  When I then worked my way to the upper floors, along the works of Beuys and Warhol to Ai Wiewei, complete disillusionment arrose. Regardless of whether I take the dramatic story of the dissident Chinese artist as a fact, or simply for clever calculus – I simply came to the disillusioned conclusion that the formal language of Ai Weiwei and Gupta were completely identical to me. Regardless of the artist’s origin.  I always loved to take a walk in the woldwide web, to take a closer look at works by artists from other countries, particularly when the expressions of typical folk art, is still shining through a modern piece of art. What the new global art market increasingly results in, is a formal uniformity, which can be displayed in almost worldwide identical spaces. To me this form of expression, regardless of the national specialities of the used items – transformes more and more into a kind of international uniformly, media effective, fast food. And I ask myself rather uneasy – if there comes a time – where an internationally formed architecture results in an internationally standardized art: The whole world wears shoe size 39 – what a dreadful thought. 

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Sources and information: 

MMK in Frankfurt:  http://www.mmk-frankfurt.de/de/home/ 

Indian contemporary art:  http://www.art-magazin.de/kunst/21449/

kunstszene_indien_mumbai_und_neu_delhi

Subodh Gupta:  http://indicreative.com/exceptional-everyday-art-by-Subodh gupta/858/ 

Anish Kapoor:  http://www.art-magazin.de/kunst/61898/anish_kapoor_interview

Peggy Guggenheim : http://www.zeit.de/1980/47/ein-kopf-zum-hineinschauen

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - writes about her work

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