Geheimnisse der Maltechnik

comments 13
über die Arbeit - creative processes / Film - film - video / Künstler - artists / Kino - cinema / Kunstgeschichte - history of art / Text - text

Jan_Vermeer_van_Delft_02

graufeld

„die Musikstunde“, Johannes Vermeer, 1662 – 1665


 

bibliotheque_strasbourgFragen zu historischen Maltechniken…

Beschäftigen mich eigentlich schon seit meiner Teenagerzeit und dem Hochschulstudium. Mit etwa fünfzehn Jahren stand ich zum ersten Mal in der Residenzgalerie in Salzburg vor einem Werk des holländischen Barock. Ein Stillleben mit Hummer, Brot und Zitronen und dort staunte ich über die Tiefe des Bildes, die Beleuchtung und vor allem die Klarheit, Leuchtkraft und Transparenz der Farben. Schon damals fragte ich mich, wie Heem Jan Davidsz 1642 Zitronen malen konnte, die aussahen als hätte man sie fotografiert und deren Farbe und Leuchten gleichzeitig nicht von dieser Welt zu sein schien… Einige Zeit darauf hörte ich zum ersten Mal von der Grisaille Malerei. Einer Untermalung von Tafelbildern in Grautönen, die die gesamte Bildanlage vorwegnehmen, etwa so, wie ein Schwarzweißfoto, das anschließend koloriert wird. Und obwohl ich mich an der Akademie für einen „vernünftigen“ Studiengang – nämlich Grafik eingeschrieben hatte – konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mich in der Malklasse für einen 14-tägigen Lehrgang in Grisaille anzumelden. (Dabei hätte ich zu diesem Zeitpunkt wirklich dringend meine Computerkenntnisse verbessern sollen… Die Technik des Grisaille und die anschließende Übermalung mit feinsten Schichten in Ölfarbe erklärt vielleicht die Leuchtkraft und Tiefe der Farbschicht, aber sie erklärt nicht das fotorealistische Aussehen).

 

Bildschirmfoto 2015-04-02 um 13.04.02

So begann die Liebe zur Technik. Als nun im letzten Jahr klar wurde, daß es mit der Arbeit in Acryl endgültig vorbei ist, trieben mich die Fragen nach den technischen Lösungen früherer Zeiten noch mächtiger um als bislang. Schon 2004 hatte ich mir das Buch von David Hockney – „the secret knowlege“ besorgt, indem Hockney im Laufe eines Forschungsprojektes nachweist, daß der Fotorealismus alter Meister, wie Jan van Eyck beispielsweise, durch die Nutzung optischer Hilfsmittel zu Stande kamen, wie etwa konvexe Spiegel oder einem Gerät, das heute als Camera Lucida wieder geläufig ist. Die Untersuchungen Hockneys gaben aber keine Antwort auf die Fragen der Anwendung der Farben. Was Historiker bis heute beschäftigt – und auch Künstler – ist die Frage nach den großen Ölgemälden der Geschichte. Das Öl in der Farbe verfestigt sich erst durch die Verbindung mit Luftsauerstoff und dieser Prozess kann von Wochen, bis zu mehreren Monaten in Anspruch nehmen, je nachdem, welche Sikkative – also Trocknungsstoffe – dem Öl beigesetzt werden und je nachdem wie dick die Schichten sind. Wie kann eine Technik, die so lange Zeit in Anspruch nimmt, von wirtschaftlicher Relevanz sein, wenn man in großen Manufakturen arbeitet und das Auftragsbuch voll ist? Die Gespräche, die ich in den letzten Wochen mit Historikern und Kollegen geführt habe, zeigen eines nur allzu deutlich. Der hauptberufliche Maler, vollbringt täglich den Hochseilakt, zwischen hochwertiger Qualität und wirtschaftlicher Arbeit.


 

Bildschirmfoto 2015-04-02 um 13.04.18

Vor einigen Monaten nun stieß ich per Zufall auf einen Film, der mich sprachlos machte. Tim Jenison ist ein amerikanischer Ingenieur und Erfinder, der es in den USA durch technische Entwicklungen in Fachkreisen zu einiger Bekanntheit gebracht hat. Darüber hinaus hat er vor dem Vermeer-Projekt in seinem Leben nie einen Pinsel in der Hand gehalten. Er liebt die Bilder des holländischen Barockmalers (Jan Vermeer 1632 – 1675) und kam beim Betrachten der Arbeiten zu der Vermutung, Vermeer könnte auch mit bislang unbekannten optischen Geräten zu seinen Ergebnissen gekommen sein. Die Nutzung der Camera Obscura ist seit dem Film „das Mädchen mit dem Perlohrring“ eigentlich jedem geläufig. Die Frage, die dieser Film allerdings nicht beantwortet ist die nach dem des Farbauftrages. Die Camera Obscura erleichtert die Übertragung einer Szenen in einem Raum auf einen Bildträger. Sie leistet aber keinen Beitrag zur Farbgebung. Eine Feststellung, die Hockney bereits im Laufe seines Experiments selbst machen konnte. Jenision nun stellte fest, daß die Art des Lichteinfalls an den Fenstern (im Gemälde) in einer Art und Weise dargestellt ist, wie er sie eigentlich nur von Film oder Videoaufnahmen kannte. Eine Art der Darstellung des Lichts, als hätte der Maler nicht nur direkt vor der Szenerie gesessen, sondern wäre auch in der Lage gewesen, Lichteinfall und Farben fotorealistisch genau wiederzugeben. Aber wie? Diese Frage versucht der Film zu beantworten. Und wer sich für Maltechnik interessiert, dem kann ich 80 absolut spannende und verrückte Minuten versprechen, die damit beginnen, daß der Texaner das Zimmer Vermeers in aufwendiger Kleinarbeit nachbaut. Scheiben selbst gießt und schleift, Böden verlegt, Kostüme nähen läßt und schließlich eine Apparatur entwickelt, die es ihm erlaubt, die Farbe genau nach der Natur sofort auf die Bildoberfläche zu bringen. Das Ergebnis mag zu Diskussionen anregen, aber der Verlauf des Experiments scheint mir doch einleuchtend. Denn schon in Hockneys Buch wird klar – die bislang bekannten Techniken des Transfers funktionieren nur in dunklen Räumen, nur im Bezug auf die Übertragung von Umrissen und Konturen. Nach bisherigem Kenntnisstand war kein Maler je in der Lage, in einer Dunkelkammer ein Meisterwerk zu fertigen. Was der Film auch sehr deutlich zeigt, ist der unglaubliche Aufwand, den es bedeutet ein solches Werk zu schaffen. Technische Hilfsmittel hin oder her. Allein der Prozess des Malens wird für Jenison zur Qual. Nach Fertigstellung des Bildes kann sich der Texaner nicht mehr rühren und von Malerei im Allgemeinen will er schon gar nichts mehr wissen.

Ddurch diese Tatsache allein, finde ich es ausgesprochen ironisch, welchen Sturm der Entrüstung dieser Film,ähnlich wie Hockneys Buch, unter Historikern und Kunstliebhabern ausgelöst hat. An dieser Stelle muß ich immer schmunzeln. Kommt man in der Malerei auf fotomechanische Reproduktionstechniken zu sprechen, glauben die Historiker, man wolle die großen Maler der Kunstgeschichte vom Thron stoßen – und ein Zeitgenosse, der dies offen zugibt, wird sogar von Laien oft belächelte. Allein, wer mit Malschülern ein paar Abende probiert hat, weiß, daß ein technisches Gerät lediglich eine Hilfe ist, aber noch lange im Ergebnis keinen Rembrandt garantiert. Alles was nach der Technik passiert ist immer noch pure Magie…

… Wer mit Hockney und mir schmuzeln möchte, schaut sich einmal dieses Interview an, in dem er 2010 zu seinem damals neuen Buch befragt wird. Hockney spricht hier von einem der Auslöser seiner Untersuchungen, nämlich, daß ihn die Linienführung in Handzeichnungen von Ingres sehr stark an Zeichnungen von Warhol erinnerte, von denen man weiß, daß sie mit dem Diaprojektor gemacht wurden… In diesem Gespräch stellt der Interviewpartner die Qualität der Arbeit von Warhol in Frage und Hockney kontert mit einem Lächeln- “ nobody else was there – he did the drawing himself…“

In diesem Sinne – mit herzlichen Grüßen tanjamaria.e


vermeer-jenison

graufeld

Vermeer Kopie von Tim Jenison, © Courtesy of Tim Jenison


 

Quellen & Informationen:


** der Film

http://www.sonyclassics.com/timsvermeer/#home

** pro

 http://bluray.highdefdigest.com/12024/timsvermeer.html

** contra

 http://www.theguardian.com/artanddesign/jonathanjonesblog/2014/jan/28/tims-vermeer-fails


** das Interview mit David Hockey – Teil 2 des Interviews – 5 Minuten 50 Sek

** David Hockey und seine Theorie

http://en.wikipedia.org/wiki/Hockney–Falco_thesis


**Salzburg & Grisaille

http://residenzgalerie.at/Hollaendischer-Barock.17.0.html?&L=uhwqwiarnvrtrcl

http://de.wikipedia.org/wiki/Grisaille


** Bildquellen:

„die Musikstunde“, Johannes Vermeer, 1662 – 1665 – CC Lizenz Wikimedia

drei Putten in Grisaille, Freskomalerei in der Abtei von Ebersmünster, Urheber Ctruongngoc – CC Lizenz Wikimedia

Tim Jenison bei der Arbeit – C – Tim Jenison/Shane F Kelly/Sony Pictures Classics/AP


The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - she writes about her work an inspirations.

13 Comments

  1. Liebe Tanja Maria, ich bin erst seit ein paar Tagen wieder auf WordPress „unterwegs“ und bin gestern auf diese Veröffentlichung von dir gestoßen! Ich habe mir den Film von Tim gleich gekauft und angesehen, fantastisch. Das ist eine spannende Lehre zur Kunstgeschichte! Vielen Dank, dass du deine Überlegungen und Erfahrungen mit uns teilst!
    Gerda

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s