bei der Arbeit 10 – at work 10

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aus dem Atelier - my work / über die Arbeit - creative processes

at work

 

… die Arbeit mit Pigmenten …

 

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Tanja Maria Ernst, Atelier

Vor etwa vier Wochen sind endlich meine Sortimentkästen angekommen. Danach galt es zunächst von allen Pigmenten Farbproben anzumischen – die beste Möglichkeit mir einen Überblick über die verfügbaren Töne zu verschaffen. Bei dieser Gelegenheit ein Tipp an Neulinge – versucht bitte nie Pigmentbeutel oder Lieferungen unbekannter Qualität innerhalb der Wohnung zu öffnen oder umzufüllen. Nur so viel: ein ehemals weißes Bad ist in Blau auch nicht unbedingt schöner… Wenn man mit Pigmenten arbeitet, (Schutzmaßnahmen bitte nicht vergessen – Handschuhe, Atemschutz etc.), hat man wirklich das Gefühl wieder ganz an der Basis – in der Werkstatt –  angekommen zu sein. Ich hatte im Vorfeld, aus Gesprächen und der Fachliteratur schon einige Informationen zusammengetragen, wie unterschiedlich die Eigenschaften der einzelnen Pigmente sind. Tatsächlich begriffen habe ich es aber in der Tat erst, als ich die ersten Farbversuche durchgeführt hatte. Das Pigment wird zunächst zu einem Farbteig verarbeitet, entweder mit Öl, oder auf Tempera-Basis, um dann eventuell noch mit weiteren Bindern gestreckt zu werden. Hierdurch erhält die Farbe ihre ganz spezifische Eigenschaft. Es läßt sich eindrucksvoll steuern, wie fett eine Farbe ist, wie mager, wie lasierend oder pastos. Unglaublich. Die Farbe paßt sich ganz den eigenen Bedürfnissen an. Trickreich ist es nur, bis man herausgefunden hat, wieviel Binder die einzelnen Pigmente benötigen. Erd- und Naturtöne sind zudem oft so puderfein, daß sie sich dem Anteigen widersetzen und man mit ein wenig Alkohol nachhelfen muß. Im Netz fand ich einen Kurzfilm auf you tube, über den italienischen Maler Pietro Annigoni, der seine selbst gemachte Eitempera großzügig mit Weißwein anrieb. Lustig – aber dennoch sinnvoll. Das puderfeine Pigment schwimmt beim Anreiben nicht länger auf dem Wasseranteil und da die Farbe mit Alkohol versetzt ist, ließe sie sich im Kühlschrank länger aufbewahren.

Öltempera ist in der italienischen Künstler-Tradition wohlgekannt und wird als „tempera grassa“ bezeichnet. Im deutschen spricht man von einer überfetteten Tempera. Beim Anmischen gilt es die Eigenschaften der Farbe sorgfältig im Auge zu behalten. Ist der Ölanteil zu hoch, trocknet die Farbe unter Umständen monatelang nicht ab. Ist der Eianteil zu hoch, ist die Farbe zu pastos und schlägt schon beim Malen zu schnell weg. Im Bezug auf Rezepturen kann man sich lediglich an Richtlinien halten. Genaue Mengenangaben wird man vergeblich suchen. Eben weil man mit Materialien arbeitet, deren Eigenschaften einem beständigen Wandel unterliegen. Erst in diesem Zusammenhang ist mir klar geworden, wieviel Arbeit in der gleichbleibenden Qualität und den wiederkehrenden Eigenschaften einer Industriefarbe steckt. Kauft man Töne ein und derselben Herstellerfirma, findet man, physikalisch gesehen, zwischen den Tönen kaum Unterschiede…

Womit ich allerdings am wenigsten gerechnet hatte ist der Unterschied in der Optik. Wer einmal mit „grüner Erde“ oder „italienisch Siena gebrannt“ arbeitet, hat plötzlich eine Optik auf der Leinwand, die seltsam an Dürers Rötelzeichnungen erinnert. Die Farbe erreicht schnell eine erstaunliche Tiefe und die Töne geben der Bildanlage eine eigene Eleganz, die an die Arbeiten vergangener Jahrhunderte erinnert. Nach einer nervenaufreibenden Baustelle stellt sich nun endlich wieder Malvergügen ein…

In diesem Sinne – mit herzlichen Grüßen – tanjamaria.e

Pietro Annigoni: https://youtu.be/s-iNa7klC1I


 

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - she writes about her work an inspirations.

2 Comments

  1. Wow, hört sich spannend an! Man kriegt direkt Lust, es selbst mal auszuprobieren… Der Aufwand hält mich aber vorerst doch ab… Viel Spaß beim (Wieder-)Malen! 🎨😊

    • Liebe Ann Christina, ja, das ist ein kleines Abenteuer! Wer Werkstoffe liebt wird damit eine ganz neue Welt für sich entdecken. Trotz allem ist es ein Aufwand, den eigentlich nur eine professionelle Tätigkeit rechtfertigt… Manchmal werden entsprechende Kurse an Volkshochschulen oder Sommerakademien angeboten. Vielleicht ist das eine Idee für Dich. Herzl. t
      http://www.kunstwerkstatt-olma.de/wochenkurse/

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