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die_toteninsel


 

Die Münchener Schule um Thoma und Böcklin ab 1860 

 

Schon Anfang des Jahres hatte ich auf Facebook ein neues Fachbuch vorgestellt, das im Mai 2015 erschienen ist.

„Die Entdeckung der Temperamalerei im 19. Jhd.“ von Eva Reinkowski-Häfner. 

Der Schmöker ist nicht nur für Historiker und Restauratoren eine wahre Fundgrube, sondern auch für Künstler. Ich habe maltechnisch viele wertvolle Hinweise gefunden. Beobachtungen, die ich im letzten Jahr machen konnte, haben sich durch die Lektüre bestätigt. Gleichzeitig hält das Buch auch einige Überraschungen bereit. Ich hatte schon vor mehr als einem Jahr im Netz, in historischen Texten, Hinweise darauf gefunden, daß die Italiener zur Herstellung ihrer Tempera Feigenmilch benutzten. Also den Saft, der aus Stängeln und Blättern am Baum austritt, wenn man sie abbricht. Dieser Saft hat ähnliche Qualitäten, wie das Gummi arabicum in der Aquarellfarbe. Insofern ist es nicht verwunderlich, daß  viele historische Temperarezepte existieren, die als eine Art Zwitter zwischen Tempera und Aquarellfarbe gelten können. Im hinteren Teil des Buches kann man Fotografien von Farbproben einsehen. Die Autorin hat hier die Rezepturen verschiedener Maler und Quellen ausprobiert, auf identischer Grundierung. Es ist wirklich spannend zu sehen, wie sich das Material so ganz unterschiedlich verhält. So gibt es durchaus Rezepturen von mehr oder weniger geeigneter Qualität, was sich auch in den letzten Wochen im Gespräch mit Kollegen bestätigt hat. Nicht alles, was gedruckt überliefert wird, ist in der Praxis für jeden tauglich. So habe ich auch feststellen müssen, daß die Rezepte für Halb-Kreidegrund bei Doerner – der „Malerbiebel“, durchaus ihre Schwachpunkte aufweisen. Denn auch hier ist es wie immer im Arbeitsalltag  – die besten Bücher ersetzen die eigene Erfahrung nicht.

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typischer Pinselduktus rechts unten – die Farbe wirkt seifig und der Pinselduktus bricht auf. Hinweise auf die Verwendung einer gummihaltigen Farbe…

franz_von_stuck_portraet_gesamt


 

Ebenso überraschend ein weiterer Anhang im Buch: eine Übersicht der damals gängigen Farben, die von unterschiedlichen Firmen auf den Markt gebracht wurden. Was mir bislang gänzlich unbekannt war: Tempera-Malerei galt in der Münchner Gruppierung um Thoma und Böcklin um 1870 als absolut modern. Wer „up to date“ war, setzte sich mit den überlieferten historischen Quellen der Italiener auseinander, arbeitete den größten Teil seiner Werke in Tempera und vollendete letztendlich in Öl. Oft nur mit wenigen Kontrasten oder aufgesetzten Lichtern.

Ich habe durch die Lektüre enorm viel gelernt. Nicht nur darüber, daß wir uns heute unter Umständen bemühen eine optische Wirkung zu erzielen, die allein dadurch kaum mehr reproduzierbar ist, weil die damals verfügbaren Farben nicht mehr auf dem Markt sind. (Wurm-Tempera zum Beispiel, war so überfetter angesetzte, daß man sie mit unterschiedlichen Malmitteln, entweder dick wie Ölfarbe verarbeiten konnte, oder herunterverdünnen konnte, um sie anschließend wässrig zu vermalen). Kaum vorstellbar  aber wahr – Tempera galt 1870 als chic und absolut modern. Maler schätzen die matte Oberfläche im Gegensatz zu den glänzenden Oberflächen der gängigen Akademischen Malerei. Maler haben Tempera-Fertigprodukte verwendet, von denen ich es nie geglaubt hätte. Hans Thoma, Paula Moderson Becker, Giovanni Giacometti, Franz von Stuck. Um nur einige Beispiele zu nennen. Und da Tempera in so unterschiedlichen Weisen verarbeitet werden kann, wird sie oft nicht auf den ersten Blick erkannt. Viele Bilder der genannten Künstler werden in Katalogen als Ölgemälde geführt. Allein, wenn man weiß, worauf man achten muß, erkennt man mit der Zeit z.B. eine magere Untermalung, das Abreißen des Farbauftrags. Aber auch dies ist oft kein eindeutiger Hinweis. Die Farbe ist viel flexibler als ich bislang angenommen habe. Sie kann durch  unterschiedlichen Fettgehalt in eigentlich jeder beliebigen Konsistenz eingestellt werden. Und sie läßt sich sogar weich fließend verarbeiten, wenn die Grundierung stabil genug ist, um sie zu nässen. Viele der genannten Künstler hielten die Leinwand von der Rückseite naß, um die gewünschte weiche Optik des Farbauftrags zu erreichen. Die Möglichkeiten sind vielfältig und absolut faszinierend. 

 

paula_modersohn_becker

Optische Farbmischung – durch die offene Struktur der fleckweise aufgesetzten Farbe schimmert die Untermalung hindurch. Die Farbe erscheint trocken und die Struktur des Pinselduktus reißt auf…


 

Abbildungen:

1 – Arnold Böcklin – die Toteninsel – 1883 – CC Lizenz Wikimedia

2/3 – Franz von Stuck – Portrait Frau von Stuck – um 1914 – CC Lizenz Wikimedia

4 – Paula Modersohn-Becker – Selbstportrait – 1906 – CC Lizenz Wikimedia

Buch:

http://www.imhof-verlag.de/die-entdeckung-der-temperamalerei-im-19-jahrhundert.html

The Author

Tanja Maria Ernst is a German-based artist - she writes about her work an inspirations.

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